Herzchirurgie: Ein Weg, der mich fordert – und wachsen lässt

Operation Karriere-Bloggerin Julia
Die Herzchirurgie ist ein forderndes Fach. Warum hat sich unsere Bloggerin Julia trotzdem dafür entschieden? In ihrem aktuellen Beitrag schreibt sie darüber, was sie motiviert, sich dieser Herausforderung zu stellen – und wie es sich anfühlt, Tag für Tag ein bisschen besser zu werden.

Warum entscheidet man sich für einen Beruf, der so viel fordert?

Für mich ist die Antwort nicht in einem einzigen Moment entstanden. Sie hat sich über Jahre entwickelt und gestärkt – durch Begegnungen mit Patientinnen und Patienten, durch erste Erfahrungen im Operationssaal und auf der herzchirurgischen Station, durch herausfordernde Situationen und vor allem durch die Erkenntnis, dass mich die Herzchirurgie selbst dann fasziniert, wenn sie mich an meine Grenzen bringt.

Herzchirurgie ist für mich weit mehr als ein medizinisches Fachgebiet. Sie verbindet wissenschaftliches Wissen mit handwerklichem Können, Präzision mit Entscheidungsfähigkeit und Teamarbeit mit einer sehr persönlichen Verantwortung für Menschen.

Gleichzeitig ist sie ein Fach, das viel fordert: Zeit, Konzentration, Belastbarkeit, Lernbereitschaft und Durchhaltevermögen. Es gibt lange Operationen, anstrengende Dienste, Notfallsituationen und Tage, an denen die eigene Motivation auf die Probe gestellt wird. Aber es gibt ebenso jene besonderen Momente, die einem unmittelbar vor Augen führen, warum man diesen Beruf gewählt hat: wenn eine schwierige Situation gelingt, wenn aus anfänglicher Unsicherheit Schritt für Schritt Sicherheit entsteht oder wenn eine Patientin oder ein Patient nach einer Operation einen wichtigen Schritt in Richtung Genesung macht.

Für mich liegt genau darin die Motivation: nicht darin, dass jeder Tag einfach ist, sondern darin, dass sich die Anstrengung lohnt.

Ein langer Weg – und viele kleine Schritte

Nach dem Studium der Humanmedizin einschließlich des Praktischen Jahres beginnt die fachärztliche Weiterbildung. Für die Facharztkompetenz Herzchirurgie sieht die Muster-Weiterbildungsordnung der Bundesärztekammer eine Weiterbildungszeit von 72 Monaten vor. Die konkrete Ausgestaltung richtet sich nach der jeweils gültigen Weiterbildungsordnung der zuständigen Landesärztekammer. Diese Jahre sind für mich jedoch weit mehr als eine festgelegte Zeitspanne. Sie sind eine Zeit des Lernens, des Ausprobierens, des Weiterentwickelns und des Übernehmens von Verantwortung. Die erworbenen Kompetenzen und Eingriffe werden im Weiterbildungslogbuch dokumentiert und bilden gemeinsam mit den weiteren Voraussetzungen die Grundlage für die spätere Facharztanerkennung.

Als Ärztin in der Herzchirurgie befinde ich mich selbst mitten in diesem Prozess. Und je länger ich diesen Weg gehe, desto deutlicher wird mir: Weiterbildung bedeutet nicht, lediglich eine bestimmte Anzahl an Eingriffen zu absolvieren oder auf den Tag der Facharztprüfung hinzuarbeiten. Es geht darum, Schritt für Schritt die Ärztin – und später die Herzchirurgin – zu werden, die man selbst sein möchte.

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Von der ersten Beobachtung zur eigenen Verantwortung

Operative Fähigkeiten entstehen nicht über Nacht. Am Anfang steht häufig das genaue Beobachten. Man versucht zu verstehen, warum ein bestimmter Schritt auf genau diese Weise durchgeführt wird, stellt Fragen und verinnerlicht nach und nach die Abläufe. Dann kommen die ersten eigenen Schritte. Mit jeder Erfahrung wächst die Sicherheit.

Und irgendwann erlebt man einen dieser kleinen, aber entscheidenden Momente: Eine Situation, die einen vor einigen Wochen noch erheblich gefordert hätte, bewältigt man plötzlich deutlich souveräner.

Diese Entwicklung gehört für mich zu den größten Motivationsfaktoren meiner ärztlichen Weiterbildung. Denn es geht nicht allein darum, technische Fertigkeiten zu erlernen. Man lernt, Patientinnen und Patienten umfassend einzuschätzen, operative Entscheidungen zu treffen, Risiken abzuwägen und Komplikationen frühzeitig zu erkennen. Vor allem aber lernt man eines: Hinter jeder Operation steht ein Mensch. Ein Mensch, der Vertrauen in das Behandlungsteam setzt. Dieses Vertrauen ist eine Verantwortung, die weit über die technische Durchführung eines Eingriffs hinausgeht.

Was eine gute Herzchirurgin für mich ausmacht

Je länger ich in der Herzchirurgie arbeite, desto mehr verändert sich auch meine Vorstellung davon, was eine gute Herzchirurgin ausmacht. Natürlich braucht es Präzision und Konzentrationsfähigkeit. Im Operationssaal können kleinste Details entscheidend sein. Man braucht Belastbarkeit, weil lange Operationen, Dienste und unerwartete Situationen zum Berufsalltag gehören. Man braucht Entscheidungsfähigkeit und Verantwortungsbewusstsein, weil chirurgische Entscheidungen mitunter unter erheblichem Zeitdruck getroffen werden müssen. Aber ebenso wichtig sind für mich Eigenschaften, die sich in keinem Operationskatalog abbilden lassen: Empathie, Respekt, Teamfähigkeit und die Bereitschaft, anderen zuzuhören.

Gute Herzchirurgie ist für mich deshalb immer auch gute Teamarbeit. Wissen muss geteilt, Verantwortung gemeinsam getragen und auch in herausfordernden Situationen ein respektvoller Umgang miteinander bewahrt werden. Dazu kommen Lernbereitschaft und Selbstreflexion. Man muss den Mut haben, Fragen zu stellen, Fehler anzuerkennen und aus ihnen zu lernen. Man muss sich immer wieder fragen: Was kann ich besser machen? Was habe ich aus dieser Situation gelernt? Was möchte ich beim nächsten Mal anders machen? Diese Fragen sind kein Zeichen von Unsicherheit. Sie sind für mich Ausdruck professioneller Entwicklung.

Die Menschen, die einen Weg mitprägen

Auf meinem bisherigen Weg habe ich Menschen kennengelernt, die mich unterstützt, gefördert und in meinem Engagement bestärkt haben. Dafür bin ich sehr dankbar. Gerade in einem anspruchsvollen Fach wie der Herzchirurgie sind Vorbilder und Mentoren von unschätzbarem Wert. Menschen, von denen man fachlich lernen kann, die einem Verantwortung zutrauen und gleichzeitig den Mut haben, ehrlich auf Entwicklungspotenzial hinzuweisen.

Ich habe gelernt, dass Weiterbildung nicht nur im Operationssaal stattfindet. Sie findet in Gesprächen statt, in der Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen, auf Kongressen, in wissenschaftlichen Projekten und in der kontinuierlichen Auseinandersetzung mit neuen Entwicklungen. Man wächst nicht allein an den Aufgaben, die man bewältigt – sondern auch an den Menschen, von denen man lernen darf.

Wenn Engagement über den OP hinausgeht

Zu meinen persönlichen Erfolgen der vergangenen Zeit gehören meine Ernennung zur Social Media Ambassador für das Jahresmeeting der European Association for Cardio-Thoracic Surgery (EACTS) sowie meine neue Position im Women in Cardiothoracic Surgery Committee. Diese Aufgaben bedeuten mir viel. Sie sind für mich einerseits eine Form der Anerkennung, andererseits vor allem eine neue Verantwortung. Herzchirurgie bedeutet für mich nicht nur operative Tätigkeit. Es geht auch darum, unser Fach sichtbar zu machen, Wissen zu teilen, Erfahrungen weiterzugeben und insbesondere Frauen in der Herz- und Thoraxchirurgie zu unterstützen und miteinander zu vernetzen. Gerade diese Verbindung verschiedener Bereiche empfinde ich als besonders bereichernd: klinische Arbeit, Weiterbildung, Kommunikation und Engagement für die Zukunft unseres Fachs.

Sie erinnert mich daran, dass persönliche Entwicklung nicht ausschließlich an der nächsten Operation, der nächsten Kompetenz oder dem nächsten Karriereschritt gemessen werden muss. Manchmal lohnt es sich, innezuhalten – und wahrzunehmen, wie weit man bereits gekommen ist.

Den eigenen Weg selbst gestalten

Heute sehe ich meine Weiterbildung nicht mehr als eine Phase, die irgendwann mit der Facharztprüfung endet. Ich sehe sie als einen fortwährenden Entwicklungsprozess – fachlich wie persönlich. Einen Prozess, in dem ich lerne, Verantwortung zu übernehmen, Entscheidungen zu treffen, mit Unsicherheit umzugehen und gleichzeitig nie aus den Augen zu verlieren, für wen ich diese Arbeit mache. Ich möchte diesen Weg weitergehen – nicht nur mit dem Ziel, irgendwann Fachärztin für Herzchirurgie zu sein, sondern mit dem Anspruch, eine gute Herzchirurgin zu werden.

Eine Chirurgin, die fachlich kompetent ist, Verantwortung übernimmt, ihr Team respektiert, ihren Patientinnen und Patienten auf Augenhöhe begegnet und ihre Leidenschaft für die Herzchirurgie auch nach vielen Jahren bewahrt. Denn vielleicht liegt genau darin die Antwort auf die Frage, warum man sich für einen Beruf entscheidet, der so viel fordert: Weil es Wege gibt, die anstrengend sind – und sich gerade deshalb lohnen.

Und vielleicht ist Wachstum am Ende nicht das Ergebnis eines einzigen großen Schrittes. Vielleicht entsteht es jeden Tag aufs Neue – im Operationssaal, im Gespräch mit einem Menschen, in einem Fehler, aus dem man lernt und in einer Herausforderung, die man annimmt.

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