PJ-Barometer 2025: Zweifel, Frust und der Wunsch nach Veränderung

Frau in blauer, medizinischer Arbeitskleidung sitzt nachdenklich an einem Holztisch mit einem Kaffeebecher und einem Stethoskop.
© David – Adobe Stock
Das Praktische Jahr (PJ) ist für Medizinstudierende der letzte große Schritt vor dem dritten Staatsexamen – und oft eine echte Herausforderung. Wie zufrieden ist der ärztliche Nachwuchs mit den Bedingungen im PJ? Das aktuelle PJ-Barometer 2025 des Marburger Bundes liefert alarmierende Ergebnisse: Probleme gibt es nicht nur bei der finanziellen Situation und der Betreuung – viele denken sogar an einen Ausstieg aus der kurativen Medizin.

Seit Jahren sind die Rahmenbedingungen im Praktischen Jahr (PJ) schwierig – und die Lage scheint sich nicht zu bessern. Ganz im Gegenteil: Etwa ein Drittel der PJ-Studierenden denkt ernsthaft darüber nach, sich beruflich neu zu orientieren und der kurativen Medizin den Rücken zu kehren. Das ist eines der Ergebnisse des aktuellen PJ-Barometers 2025 des Marburger Bundes.

An der Befragung nahmen im November und Dezember 2025 mehr als 1.800 Medizinstudierende im PJ sowie Ärztinnen und Ärzte teil, deren PJ nicht länger als drei Jahre zurückliegt. Fast 70 Prozent der Befragten sind weiblich.

Was ist das PJ-Barometer?

Das PJ-Barometer ist eine bundesweite Umfrage des Marburger Bundes unter Medizinstudierenden im Praktischen Jahr (PJ). Es erfasst, wie Studierende ihr PJ bewerten. Dazu gehören Themen wie Betreuung, Vergütung uns Ausbildungsqualität. Es dient als Grundlage für Forderungen nach besseren Bedingungen.

Keine Extravergütung für Extradienste

Das PJ soll die Medizinstudierende auf ihre praktische Arbeit als Arzt oder Ärztin vorbereiten. Doch wie gut fühlen sie sich wirklich vorbereitet? Ein Viertel der Befragten beschreibt die Vorbereitung als unbefriedigend, elf Prozent sogar als schlecht. Nur 23 Prozent bewerten sie als gut.

Die schlechten Arbeitsbedingungen spiegeln sich besonders bei den Arbeitszeiten und der täglichen Aufgabenverteilung wider. Im ersten PJ-Tertial haben 40 Prozent der Befragten 40 Stunden oder weniger in ihrer Lehreinrichtung verbracht. Bei 55 Prozent waren es jedoch schon 40 bis 50 Stunden, vier Prozent sagen sogar, dass sie bis zu 60 Stunden pro Woche gearbeitet haben. Die Befragungen früherer PJ-Barometer zeigen, dass die wöchentliche Arbeitsbelastung konstant hoch bleibt. Gleiches gilt für Nacht- und Wochenenddienste: 42 Prozent der PJ-Studierenden sagen, dass sie diese Dienste im ersten PJ-Tertial geleistet haben, rund drei Viertel von ihnen ein- oder zweimal im Monat, etwa zehn Prozent aber auch jeweils drei- oder viermal pro Monat. Eine zusätzliche Aufwandsentschädigung gab es dabei aber für einen Großteil von ihnen nicht.

Zwischen Hakenhalter und Lückenbüßer

In der Kritik der PJ-Studierenden steht vor allem auch die unzureichende Betreuung. 39 Prozent von ihnen beklagen, dass sie keinen Mentor, Mentorin oder Lehrbeauftragte als fachliche oder persönliche Ansprechperson hatten. Dabei berichten 16 Prozent, dass es häufig oder sehr häufig Situationen gab, in denen sie sich eine solche Person gewünscht hätten, aber ohne Rücksprache auskommen mussten.

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Immer wieder beschreiben die Befragten, dass sie als billige Arbeitskräfte ausgenutzt werden. In Freitextantworten heißt es beispielsweise: „Manchmal fühlt man sich ausgenutzt, wenn nichts erklärt wird und man nur Haken hält“ oder „Man fühlt sich täglich ausgenutzt, kann seinen Lebensunterhalt nicht verdienen und ist auf monetäre Hilfe angewiesen, viele Überstunden für nichts. Und das Schlimmste ist: Man nimmt gefühlt den ganzen Tag Blut ab oder in der Chirurgie hält man Haken.“ In einer weiteren Antwort wird klar auf die Personalproblematik verwiesen: „Krankenhäuser, die PJ anbieten, sollten dafür genug Personal haben und entsprechend etwas besser besetzt sein als andere Krankenhäuser.”

Wie auch schon im PJ-Barometer 2023 sind PJ-Studierende zum einen Hakenhalter, aber übernehmen zum anderen vielfach schon ärztliche Aufgaben ohne Anleitung oder Aufsicht. Hier konnten die Befragten mehrere Antworten auswählen. Mit 96 Prozent liegen delegationsfähige Aufgaben wie Injektionen, Verbandswechsel oder Blutentnahmen an erster Stelle, darauf folgen mit 80 Prozent nichtmedizinische Aufgaben wie Botengänge. Allerdings sagen auch 72 Prozent, dass sie ärztliche Kernaufgaben wie Anamnese, Diagnosestellung oder Aufklärung übernommen haben.

Die häufigsten Kritikpunkte am Praktischen Jahr (PJ)

  • keine oder geringe Vergütung
  • finanzielle Belastung
  • hohe Arbeitsbelastung
  • unzureichende Betreuung und Anleitung
  • Zeitmangel für Selbststudium
  • Krankheitstage zählen als Fehltage

Finanziell von der Familie abhängig

Ein ebenso großes Problem ist die finanzielle Situation der PJ-Studierenden. Die Hälfte von ihnen erhält eine monatliche Aufwandsentschädigung zwischen 300 und 500 Euro. Insgesamt sinkt seit Jahren der Anteil derer, die gar kein Geld erhalten, jedoch liegt dieser immer noch bei sieben Prozent. Zehn Prozent erhalten bis zu 300 Euro, was immer noch unter der existenzsichernden Schwelle liegt. Aus diesem Grund ist der Großteil der Befragten immer noch auf finanzielle Unterstützung ihrer Familie angewiesen. 28 Prozent haben neben dem anstrengenden PJ noch einen Nebenjob, um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren. Der Marburger Bund fordert schon lange, die Aufwandsentschädigung im PJ an den BAföG-Höchstsatz (derzeit 992 Euro) anzugleichen.

Bestehende Regelung zu Fehlzeiten bleibt ein Ärgernis

Insgesamt bewerten 36 Prozent der Befragten die Qualität der Lehre in ihrem ersten PJ-Tertial als gut, 18 Prozent als sehr gut. Für zwölf Prozent war sie jedoch unbefriedigend und für sechs Prozent sogar schlecht. „Wer im PJ vor allem Lücken im System stopft, statt strukturiert zu lernen, verliert Vertrauen in den ärztlichen Beruf“, sagte Dr. Susanne Johna, Vorsitzende des Marburger Bundes. Um die Situation signifikant zu verbessern, fordern die Befragten sowohl feste Ansprechpartner als auch Mentorenmodelle und ärztliche Supervision. Außerdem sollten Studientage auch als solche zum Lernen genutzt werden können. In vielen Fällen ist dies nicht möglich, obwohl sie formal vorgesehen sind. 65 Prozent der Befragten beklagen, nicht genug Zeit für das Selbststudium zu haben. In der Befragung von 2018 waren es noch rund 50 Prozent.

Ein oft angesprochenes Problem, das zu Ärger bei den PJ-Studierenden führt, ist die Regelung zu den 30 Fehltagen, die bestehen bleibt. Dazu zählen alle Fehlzeiten: auch Krankheitstage und Urlaub. Sobald man also krank wird, reduziert sich so der Urlaubsanspruch oder die Zeit, die man zum Lernen für das dritte Staatsexamen eingeplant hat. In einer Freitextantwort heißt es: „Es muss die Möglichkeit geben, sich krank zu melden, wenn man krank ist, und zuhause zu bleiben, um sich auszukurieren.“

Zukunft der Medizin ungewiss

Erstmals wurde beim PJ-Barometer 2025 gefragt, ob die Befragten in Erwägung ziehen, sich beruflich neu zu orientieren und die kurative Medizin zu verlassen. Besonders erschreckend: Ein Drittel der Befragten antwortete darauf mit Ja, 15 Prozent wissen es nicht. Gerade vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und des drohenden Ärztemangels, wenn große Jahrgänge demnächst in Rente gehen, ist diese Entwicklung dramatisch.

„Dass bereits ein Drittel der angehenden Ärztinnen und Ärzte über einen Ausstieg aus der kurativen Medizin nachdenkt, ist ein deutliches Warnsignal für die gesamte Gesundheitsversorgung“, warnte Johna. Auf Dauer scheinen sich die gleichbleibend schlechten Rahmenbedingungen im PJ auf die Berufsentscheidung des ärztlichen Nachwuchses negativ auszuwirken. Sollte sich an der Situation in naher Zukunft nichts ändern, drohen jetzt schon bestehende Versorgungsprobleme – gerade in ländlichen Regionen – noch größere Ausmaße anzunehmen.

Was fordert der Marburger Bund für das Praktische Jahr (PJ)

  • Faire und existenzsichernde Vergütung: Anpassung der Aufwandsentschädigung an den BAföG-Höchstsatz
  • Verlässliche Lehr- und Betreuungsstrukturen: Einführung bundesweit verbindlicher Standards für die PJ-Lehre sowie feste Ansprechpartner oder Mentorinnen und Mentoren, die eine strukturierte Anleitung und Betreuung sicherstellen.
  • Zeit für Selbststudium: Schutz der Studientage im Klinikalltag, damit die Zeit für Lernen und Examensvorbereitung real nutzbar ist.
  • Gerechte Krankheits- und Fehlzeitregelung: Trennung von Krankheitstagen und anderen Fehlzeiten, damit Studierende durch Krankheit keine Lernzeit verlieren.
  • Verbesserung der Rahmenbedingungen: Stärkung eines wertschätzenden Arbeitsklimas, bei dem PJ-Studierende weder als „Hakenhalter“ noch als Lückenbüßer bei Personalengpässen eingesetzt werden.

Quelle: PJ-Barometer 2025 (Marburger Bund)

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