Alexander, abgesehen von Frankfurt als Stadt: Was macht denn den besonderen Reiz aus, sich in Frankfurt als Arzt ausbilden zu lassen?
Alexander Sanchez: Ich denke, das lรคsst sich nicht ganz unabhรคngig von der Stadt betrachten. Das Niveau der deutschen Universitรคten ist ja schon relativ รคhnlich. Aber natรผrlich gibt es einige Besonderheiten: Wir haben natรผrlich den Vorteil einer Groรstadt. Das heiรt, es gibt ein ganz anderes Patientenkollektiv. Gerade die Uniklinik Frankfurt liegt direkt am Hauptbahnhof und auch sehr nah am Flughafen. Das heiรt, es gibt unheimlich viele Patienten aus aller Welt, die gerade zum Beispiel mit dem Flugzeug angekommen sind. Ein anderer Vorteil ist, dass wir einen ziemlich modernen Campus haben. Aktuell ist alles noch im letzten Abschnitt der Bauphase. Vorher war die Uniklinik ja lange Jahre ein hรคsslicher, grauer Betonbau โ das ist jetzt zum Glรผck anders. Auรerdem finde ich den Aufbau des Studiums in Frankfurt sinnvoll.

Was ist denn an dem Frankfurter Curriculum das Besondere?
Alexander Sanchez: Sowohl im vorklinischen als auch im klinischen Abschnitt wird jeweils ein Semester eingespart. Wir machen die ganze Vorklinik also eigentlich in drei Semestern. Das macht das Studium natรผrlich stressiger, als es ohnehin schon ist. Allerdings ist das ganze vierte Semester dann fรผr Wiederholungen da: Da gibt es dann Wiederholungsseminare in Biochemie und Anatomie โ und es gibt eine Art Simulation fรผr die Physikums-Prรผfung. Man bereitet sich also das ganze Semester auf das Physikum vor. Das ist ein groรer Vorteil โ gerade, wenn man sich anschaut, wie das bei anderen Unis lรคuft: Die Studenten da schreiben noch zweieinhalb Wochen vor dem Physikum ihre letzte Klausur. Und im klinischen Abschnitt lรคuft es bei uns รคhnlich wie im vorklinischen: Da ist das zehnte Semester โ also vor dem M2 โ komplett frei, um sich auf die Prรผfungen vorzubereiten. Das ist die grรถรte Besonderheit. In Frankfurt haben wir ja keinen Modellstudiengang, sondern einen ganz regulรคren. Und noch etwas: Wir schreiben im klinischen Abschnitt auch sogenannte SAKs โ Semesterabschlussklausuren. Davon sind nur wenige Fรคcher ausgenommen. Wir haben also acht Wochen lang Vorlesungen, und danach schreiben wir die Klausuren fรผr alle Fรคcher an einem Tag โ das kรถnnen bis zu zwรถlf Fรคcher sein. Das hat den Vorteil, dass man den Stoff danach hinter sich hat und dann ins Blockpraktikum geht. Das Pensum entspricht etwa dem eines Tages der schriftlichen Prรผfungen des Physikums.
Den Neubau auf dem Campus hast Du schon erwรคhnt. Was hat sich denn in den letzten Jahren noch verรคndert?
Alexander Sanchez: Bei dem Neubau ist fรผr uns vor allem das sogenannte Medicum rausgesprungen. Das ist ein Prรผfungs- und Lehrgebรคude, in dem auch das Dekanat sitzt. Da gibt es ein Simulationskrankenhaus โ das war zumindest zum Zeitpunkt der Erรถffnung in Deutschland einzigartig. Dort werden auch die OSCE (Objective structured clinical examination)-Prรผfungen abgenommen. Und vorher kann man in einer professionellen Umgebung dafรผr รผben. Eine groรe Verรคnderung sind auch die ganzen elektronischen Klausuren, auf die bei uns vor noch gar nicht so langer Zeit umgestellt wurde. Das heiรt, wir schreiben all unsere Klausuren an einem Computer und die werden dann elektronisch ausgewertet. Das soll schneller gehen und uns auf die Staatsexamensprรผfungen vorbereiten, die ja auch in nรคherer Zukunft elektronisch sein sollen. Und fรผr alle, die jetzt ins PJ kommen, gibt es ein interessantes Projekt von Studierenden und Lehrenden, das โPJ Mentoring-Programmโ. Da werden junge รrzte auf dem Weg zur Habilitation mit PJlern zusammengebracht. Die รrzte begleiten die PJler und beraten sie, und dafรผr bekommen sie Lehrstunden. Vor der Habilitation sind diese รrzte sonst sehr auf ihre Forschung fokussiert und verlieren die Lehre aus den Augen. Deshalb funktioniert es gut โ weil beide Seiten etwas davon haben.
Was soll sich denn Deiner Meinung nach noch verรคndern?
Alexander Sanchez: Ein sehnlicher Wunsch der Studenten, aber auch der Mitarbeiter an der Uniklinik, ist eine grรถรere Mensa, die sich qualitativ und preislich an die anderen Mensen der Uni angleicht. Aktuell wird eine neue Mensa gebaut โ deshalb haben wir Hoffnung, dass sich da etwas tut. Ein anderer Wunsch ist, dass die Hauptbibliothek der Medizin wieder am Wochenende geรถffnet hat. Da gibt es ein Finanzierungsproblem. Wir fรผhlen uns von dem Prรคsidium im Stich gelassen, weil sich sehr auf den Campus Westend konzentriert wird. Es ist natรผrlich ein Armutszeugnis fรผr eine medizinische Fakultรคt, wenn die Bibliothek am Wochenende geschlossen ist. Gerade bei so einem lernintensiven Fach sollte das selbstverstรคndlich sein. Auรerdem wรผnschen wir uns, dass Lehrmaterialien wie PowerPoint-Folien von Vorlesungen vollstรคndig online zur Verfรผgung gestellt werden. Trotz der รnderungen des Urheberrechts haben viele Dozenten Bedenken, was die Rechtssicherheit betrifft Das ist allerdings ein deutschlandweites Problem, das durch die Reform leider nicht behoben wurde.
Immer mehr junge Menschen drรคngen an die Universitรคten. Ist das auch in Frankfurt spรผrbar und welche Auswirkungen hat diese Entwicklung?
Alexander Sanchez: Es kommt ja jedes Semester ungefรคhr die gleiche Anzahl an neuen Medizinstudenten โ insofern merken wir in unserer Fakultรคt davon relativ wenig. Aber Frankfurt ist sowieso schon teuer โ die Situation auf dem Wohnungsmarkt ist da natรผrlich auch hier ein Problem. Es gibt zwar einige Studentenwohnheime โ auch auf dem Campus direkt an der Uniklinik. Aber ansonsten sind die Preise schon weit รผberdurchschnittlich. Die groรe Anzahl an Studierenden spรผren wir im Uni-Alltag nur an gewissen Punkten: Ein Beispiel ist der Prรคparierkurs โ wenn weniger Studierende pro Kรถrperspender eingeteilt wรคren, kรถnnte jeder Studierende intensiver selbst prรคparieren. Derzeit sind wir bei ungefรคhr 15 Studenten pro Kรถrperspender. Wir versuchen das damit aufzufangen, dass immer die Hรคlfte der Gruppe beim Kรถrper bleibt und die andere Hรคlfte in dieser Zeit mit den Hiwis Theorie macht. Wรผnschenswert wรคren aber kleinere Gruppen und mehr Dozenten.
Wie schรคtzt Du die Betreuung durch die Dozenten sonst ein?
Alexander Sanchez: In der Vorklinik ist die Betreuung sehr gut. Man hat eigentlich immer einen Ansprechpartner โ ich habe noch nie erlebt, dass ein Dozent auf Fragen oder auf Mails nicht ausfรผhrlich geantwortet hat. Es gibt auch in allen groรen Fรคchern ein Seminar, in dem man einem Dozenten in einer relativ kleinen Gruppe zugeteilt wird. In der Klinik wird es natรผrlich ein bisschen schwieriger โ einfach, weil die Dozenten da natรผrlich auch gleichzeitig als รrzte arbeiten. Trotzdem hat man aber auch da immer einen Ansprechpartner, wenn man Fragen hat. Ich finde auch, dass es bei uns eine sehr groรe Auswahl an Wahlfรคchern gibt โ da habe ich bisher auch nur sehr engagierte Dozenten erlebt. Und vor den Blockpraktika Innere Medizin und Chirurgie gibt es jeweils eine Einfรผhrungswoche. Da werden alle Fertigkeiten vermittelt, die man fรผr das Blockpraktikum gebrauchen kann. Auch da ist die Organisation sehr gut und ich fand das sehr hilfreich. Ich persรถnlich wรผrde die Betreuung insgesamt als sehr gut bezeichnen.
In welchen Fachgebieten ist die Uniklinik Frankfurt top?
Alexander Sanchez: Die Neurologie und Neurochirurgie in Frankfurt gehรถren deutschlandweit zu den Besten. Das gilt auch fรผr die Onkologie und die interdisziplinรคre Behandlung von Tumorerkrankungen. Erwรคhnenswert ist auรerdem das Zentrum fรผr Lippen-Kiefer-Gaumenspalten, das meines Wissens zu den grรถรten Europas gehรถrt. Da ich sonst sicher vielen Fachrichtungen Unrecht tue, verweise ich hier aber lieber auf die FOCUS-Klinikliste.
Warum hast Du persรถnlich Dich entschieden, in Frankfurt zu studieren?
Alexander Sanchez: Einerseits bin ich in Frankfurt aufgewachsen und wollte in der Nรคhe meiner Familie bleiben. Daneben hat mir das Lehrkonzept zugesagt, dass ich eben beschrieben habe. Die Uni veranstaltet jedes Frรผhjahr einen Informationstag, bei dem sie sich mir damals sehr positiv prรคsentiert hat. Auch bei den Ergebnissen des Staatsexamens liegt die Uni Frankfurt immer zumindest im vorderen Mittelfeld. Es gibt eigentlich keinen Grund, hier nicht zu studieren.