Immer wieder werde ich gefragt, ob man, wenn man Herzchirurgin werden möchte, überhaupt noch Raum für ein Leben außerhalb der Klinik hat. Meine Antwort darauf ist eindeutig: ja, dieser Raum existiert. Aber er entsteht nicht zufällig, sondern durch bewusste Entscheidungen und eine klare Haltung auf dem eigenen Weg.
Herzchirurgie ist für mich keine Option unter vielen, sondern eine tief verankerte Überzeugung. Sie verlangt höchste technische Präzision, absolute Konzentration über lange Zeiträume und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, wenn Entscheidungen unmittelbare Konsequenzen für Leben und Tod haben. Schon als Kind wusste ich, dass ich genau dieses Fach erlernen wollte – nicht aus Prestigegründen, sondern aus Faszination für ein Organ, das unermüdlich arbeitet, dessen Funktion auf Sekundenbruchteile abgestimmt ist und bei dem jeder Eingriff kompromisslose Genauigkeit erfordert.
Prägende Augenblicke und Erlebnisse
Meine Leidenschaft für Herzchirurgie wurde durch internationale Erfahrungen geprägt. Klinische und wissenschaftliche Stationen in den USA, Kanada und der Schweiz sowie Aufenthalte an führenden Zentren wie Harvard und der Mayo Clinic haben meinen Blick auf das Fach geschärft. In Minnesota hatte ich die Möglichkeit, im Mayo Clinic Museum die erste Herz-Lungen-Maschine zu sehen – ein Moment, der mich tief beeindruckt hat und mich an die frühen Pionierarbeiten der Herzchirurgie erinnerte.
Ferner war ein besonders prägender Augenblick die Begegnung mit Tirone David auf dem Aortic Forum in Brüssel. Vor ihm zu stehen, mit dem Herzchirurgen, der die moderne aortenchirurgische Präzision entscheidend geprägt hat, war für mich wie eine Bestätigung meiner eigenen Ambitionen. Meine Reise nach Toronto, um ihn zu besuchen, war ein weiteres Highlight. Ich stand mit ihm gemeinsam am Operationstisch, beobachtete seine Technik und seine Entscheidungen aus nächster Nähe. Dieses Erlebnis war für mich außergewöhnlich: Es zeigte mir, wie operative Exzellenz, präzise Planung und Erfahrung zusammenkommen und wie sehr ich selbst davon lernen kann. Tirone David persönlich zu erleben, hat meinen Blick auf die Herzchirurgie nachhaltig geprägt und mir gezeigt, was es bedeutet, Innovation in der Praxis umzusetzen.
Ein weiteres unvergessliches Erlebnis war der Besuch des Groote Schuur Hospitals in Kapstadt – jener Ort, an dem Christiaan Barnard die erste Herztransplantation der Welt durchführte. Als ich seine Worte im Interview im Museum hörte, bekam ich Gänsehaut: Vieles, was er damals sagte, habe ich selbst gedacht, vieles setze ich heute um. Schon als Kind, als ich im Biologieunterricht die Herztransplantation vorstellte, kommentierte ich die einzelnen Schritte genau wie er in diesem legendären Interview. In diesen Momenten spürte ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin, selbst einen nachhaltigen Beitrag in der Herzchirurgie leisten zu können.
Mehr als nur Work-Life-Balance
Reisen ist für mich nie nur Ausgleich gewesen, sondern eine Erweiterung meines Denkens. Die Einblicke in verschiedene Gesundheitssysteme, OP-Strukturen und interdisziplinäre Kulturen haben mir gezeigt, wie vielfältig Medizin gelebt werden kann. Über fünfzig Länder habe ich bereist und gelernt: Exzellente Herzchirurgie entsteht nicht allein durch technische Brillanz, sondern durch die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge zu erfassen, Entscheidungen bewusst zu treffen und Verantwortung zu tragen.
Der Begriff der klassischen Work-Life-Balance greift für mich in diesem Fach zu kurz. Herzchirurgie folgt keinem linearen Zeitmodell. Stattdessen glaube ich an Phasen höchster Intensität, in denen der OP den Alltag bestimmt, und an Phasen der Distanz, die Reflexion und Klarheit ermöglichen. Balance entwickelt sich nicht im Tagesverlauf, sondern über Jahre hinweg.
Mein Anspruch ist es, nach dem Studium eine Herzchirurgin zu werden, die technisch präzise arbeitet, verantwortungsvoll entscheidet und sich der Tragweite jedes Eingriffs bewusst ist – ohne dabei die Menschlichkeit zu verlieren. Ambition und Empathie stehen für mich nicht im Widerspruch, ebenso wenig wie Exzellenz und emotionale Reife.
Die Herzchirurgie hat mir früh gezeigt, wie kostbar Zeit ist und wie viel Vertrauen Patientinnen und Patienten uns schenken. Das Reisen hat mir verdeutlicht, wie unterschiedlich Leben gelebt werden kann und wie wertvoll Perspektivwechsel sind. Zwischen OP-Plan und Boarding Pass entsteht genau dort der Raum, in dem berufliche Passion und persönlicher Weg sich nicht ausschließen, sondern einander bereichern.
