Herr Dr. Specht, was hat Sie zu Ihrem Buch bewogen?
Dr. Christoph Specht: Ich möchte wachrütteln: Wir betrachten Gesundheit inzwischen als automatische Lieferleistung, so wie Gas oder Wasser. Dafür werden den allermeisten Bürgerinnen und Bürgern ja auch Beiträge vom Gehalt abgezogen. Doch für die eigene Gesundheit ist jeder Mensch in erster Linie selbst verantwortlich. Das wäre für einen selber auch viel besser und für die Allgemeinheit. Denn das nicht mehr finanzierbare Gesundheitssystem wird gegen die Wand fahren.
Was ist da schiefgelaufen?
Dr. Christoph Specht: Man geht heute wegen Lappalien in die Sprechstunde. Noch schlimmer: Patientinnen und Patienten meinen, dass die Medizin für ihre Gesundheit zuständig, und Ärztinnen und Ärzte das sogar besser können als sie selbst. Analog dazu haben sich die Krankenkassen in Gesundheitskassen umbenannt, und die Politik hat immer mehr Leistungen versprochen – als käme das wie Manna vom Himmel. In Wirklichkeit bedeutet es nur, dass die Beiträge steigen. Bismarcks Grundidee war dagegen eine Krankenversicherung, um große unkalkulierbare finanzielle Risiken abzufedern. Damit eine ernste Krankheit nicht einen Arbeiter und seine ganze Familie in den Ruin treiben konnte.
Was wäre die Lösung?
Dr. Christoph Specht: Vor allem müssen wir die Menschen wieder in Eigenverantwortung bringen. Gesundheit kann man nicht delegieren nach dem Motto, „Doktor, mach mich gesund“, was ein Patient tatsächlich einmal so zu mir sagte. Es ist super, dass es Hightech und Medikamente gibt, aber das sind allenfalls Second-best-Lösungen, jedenfalls was die Volkskrankheiten angeht. Wir müssen den Patientinnen und Patienten klar machen, dass Pillen oder Operationen nicht besser sind als das, was Sie selbst tun können. Es gibt kein durchblutungsförderndes Medikament für den Kreislauf, das so viel bringt, wie regelmäßig Treppe laufen.
Ist Ihr Buch dann eher ein Gesundheitsratgeber oder eine politische Streitschrift?
Dr. Christoph Specht: Beides, inklusive persönlicher Erfahrungen. Ich wollte nicht den klassischen „How-to-do-it“-Ratgeber schreiben, den es schon tausendfach gibt frei nach der Devise „Die sieben ultimativen Tipps für ewige Gesundheit“. Meine ganze Lebens- und Berufserfahrung hat mir gezeigt, dass genau das nicht zum Erfolg führt. Man meint ja immer, wir Mediziner müssten mehr auf Prävention hinweisen, dass man beispielsweise Typ-2-Diabetes durch eine Änderung des Lebensstils wieder wegbekommen kann. Doch das tun die meisten jungen noch idealistischen Ärztinnen und Ärzte ja auch! Aber beim tausendsten Fall sagen sie sich dann: „Ich weiß, was ich raten müsste, weiß aber auch, dass der Patient das, wenn überhaupt, nur kurz umsetzen wird. Also kann ich den ganzen Kladderadatsch gleich überspringen und komme sofort zum Metformin…“
Gibt es einen konkreten „Anpack“ für Ärztinnen und Ärzte im Buch?
Dr. Christoph Specht: Ich gebe etliche praktische Umsetzungsvorschläge, aber nicht nach dem Motto „Trinken Sie 400 ml rote Beete-Saft“. Mir geht es um viel Grundsätzlicheres und zwar, wie Menschen es schaffen können, ihre Überzeugungen zu ändern. Generell plädiere ich für die Salutogenese – was leider ein Begriff ist, bei dem die Leute sofort weglaufen. Trotzdem halte ich dieses Konzept für ideal, weil alles Wichtige da drinsteckt. Deswegen schlage ich im Buch unter anderem den Bogen zur modernen Langlebigkeitsforschung am Beispiel der Blue-Zones, die das Modell bestätigen.
Ein Beispiel?
Dr. Christoph Specht: So empfehle ich unter anderem „Hara hatschi bu“, das in Okinawa gelebt wird. Das bedeutet nur so viel zu essen, dass man sich zu 80 Prozent gesättigt fühlt. Damit das funktioniert, muss man lediglich langsamer kauen. Selbst wenn wir ansonsten alles so lassen, also die hoch verarbeiteten Lebensmittel, die nicht gut sind, weiter essen und den gleichen Alkohol trinken, dann würden wir damit effektiv gegen Übergewicht vorgehen – den Hauptrisikofaktor für viele Zivilisationskrankheiten vom hohen Blutdruck bis zum kaputten Kniegelenk. Allein die erfolgreiche Bekämpfung von Übergewicht würde uns im Jahr hohe dreistellige Milliardenbeträge einsparen. Das wäre ja auch für die Betroffenen gut, denn sie leiden schließlich unter ihren Beschwerden.
Weitere Lösungsvorschläge?
Dr. Christoph Specht: Ja, aber Achtung, jetzt wird’s verwegen: Weg mit den gesetzlichen Krankenkassen, ich plädiere für eine Pflichtversicherung im Stil des Schweizer Modells. Dort müssen sich alle privat so krankenversichern, dass bestimmte Grundleistungen abgedeckt sind. Das geht für die Hälfte des Beitrags, den jetzt ein durchschnittlich verdienender Angestellter in der GKV berappen muss. Aber man kann das Ausmaß der Leistungen selbst wählen. Dafür muss ich den Menschen aber auch genug Geld lassen, denn ein Eigenanteil ist immer dabei. Zumal ich überzeugt bin, dass unser jetziges System der gesetzlichen Krankenversicherung ohnehin zusammenbrechen wird. Wir befinden uns nicht mehr nur in einer schwierigen Situation, sondern sogar schon längst darüber hinaus.
Steht es wirklich so schlimm?
Dr. Christoph Specht: Aktuell finanzieren wir das Gesundheitssystem bereits durch Steuermissbrauch und in der Folge hohe Schulden. Das können wir noch ein paar Monate, wahrscheinlich sogar ein paar Jahre machen, bis wir auf ganz harten Boden fallen. Bis dahin wird man den Leuten immer höhere Beiträge aus der Tasche ziehen, wobei sie gleichzeitig immer mehr selbst aufbringen müssen – eine gigantische Doppelbelastung. In anderen Ländern wird schon „Bakschisch“ gezahlt, um überhaupt einen Termin zu bekommen. Aber auch hier haben wir ja schon immer mehr reine Privatpraxen.
Welche persönlichen Erfahrungen sind in Ihr Buch miteingeflossen?
Dr. Christoph Specht: Seit 1995 engagiere ich mich für Hilfsprojekte in Afrika. Bei meinem ersten Besuch half ich in einem zur Klinik umgebauten Zug, der basale Medizin in die entlegensten Gegenden Südafrikas bringt. Auf dem Weg zu meiner Unterkunft begegnete ich einem Mann, der wegen einer Fußfehlstellung an einer Krücke ging. Ich fragte ihn, ob ich ihm helfen könnte. Er antwortete fröhlich: „Thank you, I am well. I can manage it“. Das eröffnete mir eine völlig neue Vorstellung von Gesundheit im Sinne von: Wir sollten sie nicht als Gegensatz von Krankheit verstehen. Wir bewegen uns immer in einem Kontinuum zwischen beidem. Es kommt darauf an, mit dem Zustand möglichst gut zurechtzukommen, die Zuversicht zu behalten. Das hat mir mein Vater mit auf den Weg gegeben.
Wie kam das?
Dr. Christoph Specht: Er war Radiologe und leitete in den 70er Jahren die Krebsstation in einem kirchlichen Krankenhaus. Ich fragte ihn einmal, wie er es schaffte, den ganzen Tag mit so schwerkranken Menschen zu tun zu haben. Er antwortete: „Man muss Zuversicht haben, und die versuche ich auch meinen Patienten zu geben“. Zu Heiligabend gab es deswegen die Tradition, dass wir Kinder als Engelchen verkleidet Geschenke an die Betten brachten. Für die Kranken war das sehr schön – und auch für mein späteres Leben war es wichtig, dass ich neben der hochtechnisierten Medizin die andere Seite gesehen habe.
Wie erhält man sich das „halbvolle Glas“, diese Zuversicht?
Dr. Christoph Specht: Auch mit Salutogenese! Das Konzept umfasst neben Bewegung und Ernährung ebenso die Sinnfrage und den sozialen Aspekt im Sinne von „find your tribe“. Doch auch hier müssen die Menschen selbst tätig werden. Staatlich von oben herab verordnet, funktioniert’s nicht. Ein Ministerium gegen Einsamkeit erreicht niemanden, wenn der einzige Kontakt der UPS-Mann ist. In meinem Nachwort schreibe ich über Clint Eastwood, dessen Rezept für ein gutes Alter lautet: „I just get up every morning and go out. And don‘t let the old man in“. Und den zwickt‘s mit Sicherheit auch.
