Herzchirurgie in der Schweiz

Operation Karriere-Bloggerin Julia
Ob Famulatur, PJ oder andere Praktika – Auslandsaufenthalte können dir spannende Einblicke in die Medizin anderer Länder bringen. Das zeigt Julia in ihrem neuen Blogbeitrag über ihre Zeit in der Herzchirurgie in der Schweiz. Wie konnte sie dort als angehende Herzchirurgin nicht nur fachlich, sondern auch organisatorisch und sprachlich neue Perspektiven gewinnen?

Meine Zeit in der Herzchirurgie in der Schweiz war für mich mehr als nur ein weiterer Abschnitt im klinischen Alltag – sie war eine Chance, meinen Horizont zu erweitern und meine bisherigen Erfahrungen aus Deutschland, den USA und Kanada in einen internationalen Kontext zu setzen.

Die herzchirurgischen Abläufe waren mir bereits vertraut, unter anderem durch meine langjährige Tätigkeit in der Bonner Herzchirurgie und meine Auslandserfahrungen. Dennoch bot mir die Schweiz eine ganz neue Perspektive: Prozesse, Verantwortlichkeiten und Weiterbildungssysteme unterscheiden sich teils erheblich, und gerade diese Unterschiede sind spannend zu beobachten.

Strukturierter Tagesablauf und zwei Besprechungen pro Tag

Der Tag begann früh: Um 7:15 Uhr traf sich das Team zur Frühbesprechung. Postoperative Verläufe, aktuelle Patientinnen und Patienten und der OP-Plan wurden gemeinsam durchgesprochen. Alles war klar strukturiert – ein perfekter Überblick für den bevorstehenden Tag.

Doch das Besondere kam am Nachmittag: Um 15:15 Uhr fand eine weitere Besprechung statt, bei der die Patientinnen und Patienten, die für den nächsten Tag geplant waren, vorgestellt wurden. Zwei Besprechungen pro Tag sind in der Herzchirurgie eher ungewöhnlich, und ich fand es extrem lehrreich, wie dadurch operative Planung und klinischer Alltag direkt miteinander verknüpft wurden.

Während dieser Besprechungen durfte ich Patientinnen und Patienten vorstellen, inklusive Anamnese, Befunden und geplanter Therapie. Diese Aufgabe hat mir besonders gut gefallen – sie verlangt präzises, strukturiertes Denken und klare Kommunikation. Fähigkeiten, die in der Herzchirurgie unabdingbar sind.

Sprachliche Vielfalt als besondere Herausforderung

In der Schweiz wird nicht nur anders gearbeitet, sondern auch anders gesprochen. Schweizerdeutsch kann manchmal schwer verständlich sein und unterscheidet sich je nach Kanton stark. Hinzu kommt, dass viele Patientinnen und Patienten aus anderen Regionen oder sogar Kantonen kommen und teilweise nur Französisch sprechen. Diese sprachliche Vielfalt macht den Klinikalltag spannend und fordert Flexibilität sowie interkulturelle Kompetenz.

Kollegiales Arbeiten im Team

Was mir besonders aufgefallen ist: Die Teamarbeit war kollegial und sachlich. Fragen wurden immer erlaubt, und die Integration in den klinischen Alltag erfolgte transparent. Gerade in einem Fach mit hoher Spezialisierung ist eine gut funktionierende Teamkommunikation entscheidend, um Abläufe reibungslos zu gestalten.

Operative Erfahrung und Weiterbildung – international betrachtet

Neben dem Stationsalltag konnte ich auch meine operative Erfahrung weiter vertiefen. Viele Abläufe kannte ich bereits, aber sie in einem anderen organisatorischen Rahmen zu erleben, war ungemein lehrreich.

Ein besonders spannender Punkt war die Weiterbildung: In der Schweiz dauert die Assistenzzeit aufgrund der geringeren Fallzahlen oft deutlich länger – acht bis zehn Jahre sind realistisch. An einigen Kliniken ist zudem ein 1–2-jähriger Aufenthalt in den USA obligatorisch, was die Zeit noch weiter verlängert. Die Vollzeit-Intensivstation Rotation ist in der Schweiz für 6 Monate vorgesehen. Zum Vergleich: In Deutschland, den USA oder Kanada sind die Weiterbildungswege häufig kürzer. Die Rotation auf die Intensivstation hängt jedoch von der Klinik ab und ist nicht einheitlich wie in der Schweiz. Diese Unterschiede sind keine Wertung, aber entscheidend für die Karriereplanung und sollten frühzeitig bedacht werden.

Internationale Erfahrungen als Karriere-Kompass

Für mich zeigt sich: Internationale Erfahrungen sind Gold wert. Sie ermöglichen es, Abläufe zu vergleichen, Prioritäten zu definieren und realistische Entscheidungen für den eigenen Ausbildungsweg zu treffen. Die Schweiz hat mir nicht nur fachlich, sondern auch organisatorisch und sprachlich neue Perspektiven eröffnet. Ich konnte unterschiedliche Systeme einordnen, die Bedeutung strukturierter Besprechungen erleben und die speziellen Herausforderungen in einem mehrsprachigen Land kennenlernen.

Rückblickend war mein Aufenthalt in der Schweizer Herzchirurgie also weit mehr als ein praktisches Training – er war eine wertvolle Grundlage, um meinen eigenen Weg in der Herzchirurgie bewusst und reflektiert zu planen.

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