Gehirnchirurgie und Musik – ein Neurochirurg verbindet beides

Dr. Johannes Kuchta
Dr. Johannes Kuchta © privat
Dr. Johannes Kuchta lebt zwei Leben – eins im OP, eins auf der Bühne. Denn der Bonner arbeitet nicht nur Neurochirurg, sondern auch als Profimusiker. Für ihn ist die Musik aber nicht nur Kunst, sondern ebenso ein Instrument der Heilung.

Medizin und Musik – passt das zusammen? „Ja und sogar sehr gut!“, antwortet Dr. Johannes Kuchta und lacht. Ein Beispiel hat er sofort parat: „Ein Freund von mir, Oberarzt in der Anästhesie, sprach bei jeder Narkoseeinleitung ein rhythmisches Mantra. Das beruhigte die Menschen unglaublich.“ Kuchta nahm den Text auf und legte Akkorde darunter. So entstand „Träumen Sie von was Schönes“. Der Song ist unter anderem bei Spotify und iTunes abrufbar. In manchen Kliniken läuft er jetzt täglich zum Feierabend.

Auch seine Idee für einen besonderen In-Ear-Kopfhörer kommt aus dieser Schnittstelle. Als er las, dass der Vagusnerv genau im Gehörgang verläuft, dachte er: „Warum nicht Musik hören und gleichzeitig das Nervensystem stimulieren? Ohne meine Arbeit als Musiker wäre ich nie auf so etwas gekommen.“

Die Initialzündung für die ungewöhnliche Kombination liegt wohl in seiner Kindheit. „Bestimmt haben schon meine Eltern dazu beigetragen“, meint der Bonner. Beide erlebten noch den Krieg und glaubten fest daran, dass Medizin Gutes bewirken kann. Gleichzeitig war sein Zuhause voller Musik. Mutter spielte Klavier, Vater Flöte. Beim Zivildienst im Krankenhaus entdeckte Kuchta schließlich die Medizin – und blieb beiden Leidenschaften treu.

Nach langen Jahren in der Klinik am Tisch, aber auch in Forschung und Lehre, arbeitet er heute als niedergelassener Wirbelsäulentherapeut sowie als Profimusiker: „Diesen Sommer stand ich mit 85 Musikerinnen und Musikern des Beethoven-Orchesters beim Bonner KunstRasen auf der Bühne. Sonne, 8.000 Zuhörende – magisch“, erzählt er nicht ohne Stolz und ergänzt: „Aber genauso liebe ich die kleinen Momente, wenn im Proberaum aus dem Nichts etwas entsteht. Diese Augenblicke sind manchmal größer als jedes Festival.“

Musiktherapie bei Rückenschmerz – funktioniert das wirklich?

An seinem medizinischen Arbeitsplatz, dem interdisziplinären Wirbelsäulenzentrum, kurz „iWIZ“ genannt, spielt das Reich der Töne ebenfalls eine Rolle. Hier gehört Musiktherapie sogar zum Leistungsspektrum. „Schmerzempfinden ist immer auch abhängig von Bewertungen und innerer Haltung“, erklärt Kuchta. „Manche Menschen akzeptieren die Schmerzen. Andere empfinden sie sofort als Katastrophe. Musik kann helfen, eine Stimmung zu erzeugen, in der die Gegenwart wieder als lebenswert empfunden wird.“ Oder um – bei einigen Betroffenen – Kommunikation überhaupt wieder herzustellen.

Denn es gibt Patientinnen und Patienten, die „regelrecht dicht“ seien, erzählt der Mediziner. Bei einigen müsse er daher verspielt rangehen, um überhaupt in Kontakt zu kommen: „Ein paar Töne – eine Antwort – ein gemeinsames Lachen: Das kann Türen öffnen.“ Gemeinsam mit einem Pianisten und einem buddhistischen Mönch bietet er zudem Wochenend-Workshops zu Achtsamkeit und Klang in der Schmerztherapie an.

Oft ist es der kleine Hebel

Für den erfahrenen Praktiker steht fest: Die Medizin hat Grenzen. „Es bringt nichts, einem Patienten zu sagen: Sie haben nichts, wenn es beispielsweise keinen Befund gibt. Menschen brauchen das Gefühl, ernst genommen zu werden. Und sie benötigen eine Perspektive.“ Deshalb arbeitet er als Arzt auch mit kulturellen und biografischen Ankern: „Wenn eine ältere Patientin zu mir sagt, dass sie ihrer Großmutter Schröpfen geholfen hat, entgegne ich ihr nicht: Unsinn. Sondern ich sage: Probieren Sie es doch aus – und nutzen Sie die Erleichterung als Einstieg, um zum Beispiel zweimal pro Woche Sport zu machen.“

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Das war nicht immer so. Diesen Ansatz entwickelte er erst im Lauf seiner langen Tätigkeit im Sprechzimmer. Schließlich hat er zuvor jahrelang zu Hirnfunktionen und Sprache geforscht, bei seiner Habilitation intensiv mit Wahrnehmung beschäftigt – alles streng wissenschaftlich. Heute geht er viel pragmatischer vor. „Meine Haltung hat sich inzwischen geändert. Wenn Bachblüten jemanden motivieren – warum nicht? Ich muss nicht alles erklären können. Manchmal ist ein kleiner Hebel entscheidender als eine große Theorie“, betont er und schildert ein anderes extremes Beispiel: „Wenn sie aus der Röhre kommen, sagen einige meiner Patientinnen und Patienten, die Kernspintomografie sei das Einzige, was ihnen geholfen hat. In jüngeren Jahren antwortete ich ‚Sie wissen aber schon, dass das keine Therapie ist, sondern nur ein Bild‘. Jetzt entgegne ich: ‚Toll. Das freut mich. Dann können wir ja jetzt einen Schritt weiter gehen mit Physiotherapie‘.“ Wichtig sei es, viele der Betroffenen „überhaupt auf irgendeinem Wege“ zu erreichen, damit sie ihren Alltag ein bisschen umstrukturieren.

Generell empfiehlt er zudem allen Menschen, ob beschwerdefrei oder nicht, eine künstlerische Betätigung im Alltag. Ob malen, singen oder Theaterspielen, egal. Entscheidend ist nur: „Es sollte keinen unmittelbaren Zweck erfüllen – irgendetwas, dass man einfach so macht, ohne Druck. Denn dabei atmet man anders, der Puls wird besser. Schließlich entstehen täglich Krebszellen und der Körper entscheidet, ob die sich festsetzen oder man noch mal 20 Jahre länger lebt.“

„Wir sind nicht dafür gemacht, alles zu verstehen“

Hat er ein Fazit? Immerhin dringt Kuchta als Gehirnchirurg in die geheimnisvollen physischen Welten des menschlichen Lebens vor, als Musiker vielleicht in die Seele. Hier fällt sein Resümee allerdings eher ernüchternd aus: „Je tiefer man eintaucht, desto mehr begreift man, wie wenig wir wissen und wie stark unbewusst wir handeln. Jeder Mensch kennt dieses Gefühl: Man weiß etwas – ohne rekonstruieren zu können, warum. Sehe ich einen Vogel fliegen, denke ich nicht ‚da fliegt ein Vogel‘, sondern nutze eine Gehirnfunktion, die mir die Info gibt“. Diese Erkenntnisse haben ihn letztlich auch demütiger gemacht. Der Mensch sei evolutionär nicht dafür gemacht, die Welt vollständig zu verstehen: „Nicht mal eine Erkältung verstehen wir ganz – geschweige denn das Universum“, so Kuchta.

Das gelte ebenso für den medizinischen Alltag: „Wenn ich einen Patienten vor mir habe, bekomme ich tausend Eindrücke von ihm. Ich denke oft, ‚oh, die hat bestimmt ein Magengeschwür‘ oder ‚der hat jetzt nicht nur einen Bandscheibenvorfall, sondern einen Tumor‘. Wenn mich dann ein jemand fragt, wie ich darauf gekommen bin, kann ich gar nicht mehr zurückverfolgen, was mir dieses Bild verschafft hat.“ Das nennt sich dann Instinkt.

Mit der der Musik verhalte sich das ganz ähnlich: „Ich setze mich nicht hin und nehme mir vor: ‚Heute schreibe ich über Herbstlicht oder Trennung‘.“ Es ist eher so, dass die Melodien, Zeilen und Fragmente spontan einen Weg zu ihm finden. „Die fallen vom Himmel und dann arbeite ich daran, dass sie auch anderen Menschen etwas sagen.“ Und ihnen im besten Fall weiterhelfen, denn: „Musik hat heilsame Wirkung“, davon ist er überzeugt.

Der Experte
PD Dr. Johannes Kuchta

war von 1995 bis 2009 Neurochirurg an der Uniklinik Köln, seit 2005 mit Lehrauftrag. Heute arbeitet er als niedergelassener Arzt in Bonn und schreibt aktuell ein Buch über den 10. Hirnnerven, den Nervus vagus. Parallel ist er erfolgreicher Singer-Songwriter, Schlagzeuger und Komponist mit eigenem Studio. Er schreibt Musik für Theater und Film – unter anderem für Netflix. Er arbeitete bereits mit Alan Parsons (Beatles, Pink Floyd) zusammen und in Peter Gabriels „Realworld“ Studio als Tontechniker und Musiker. Mit seiner Band Voyager IV wurde er 2020 als „Beste Rockband, Deutschland“ ausgezeichnet.

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