Frühbesprechung: Der Start in den Tag
Der Alltag eines Herzchirurgen oder -chirurgin ist alles andere als gewöhnlich. Schon der Morgen beginnt hochkonzentriert: Die Frühbesprechung bildet das Herzstück des Tages. Hier treffen sich alle beteiligten ärztlichen Kolleginnen und Kollegen, um die geplanten Operationen zu besprechen, die Besonderheiten der Patienten auf der Station zu analysieren und die Tagesstrategie festzulegen. Jeder Patient oder Patientin wird genau unter die Lupe genommen: Welche Vorerkrankungen bestehen? Welche Besonderheiten in der Medikation müssen berücksichtigt werden? Nur so lässt sich ein reibungsloser Ablauf im OP gewährleisten. Ich habe an diesen Frühbesprechungen schon in mehreren Kliniken teilgenommen – in Deutschland, der Schweiz, den USA und Kanada. Mich hat immer beeindruckt, wie klar strukturiert und gleichzeitig hochkomplex diese kurzen Morgenroutinen sind.
TIPP: Macht euch vor der Besprechung unbedingt mit den Fällen vertraut und lest die OP-Indikation – man wirkt direkt kompetenter und versteht die Diskussion viel besser.
Kurvenvisite: Daten, Laborwerte und Bildgebung
Nach der Frühbesprechung bleiben einige Kolleginnen und Kollegen auf der Station, um die Kurvenvisite durchzuführen. Dabei geht es nicht nur darum, die Patientinnen und Patienten einmal zu sehen, sondern vor allem ihre klinischen Daten zu analysieren. Laborwerte, Bildgebung, Vitalparameter und Medikation fließen in die Entscheidung über den weiteren Verlauf ein. Es ist ein präzises Zusammenspiel von analytischem Denken und klinischer Erfahrung. Ich habe unzählige Kurvenvisiten begleitet und irgendwann gemerkt, wie wichtig ein systematischer Ablauf ist – sonst verliert man sich schnell in Details.
TIPP: Entwickelt früh eure eigene strukturierte Checkliste (Labor – EKG – Bildgebung – Drainagen – Medikation). Das spart enorm Zeit im Stationsalltag.
Visite auf Station: Untersuchung, Drainagen und Pleuraschall
Im Anschluss folgt die Visite auf der Station. Die Patientinnen und Patienten werden persönlich untersucht, Herzdrähte und Drainagen kontrolliert und bei Bedarf entfernt. Besonders spannend ist der Pleuraschall, mit dem schnell erkannt werden kann, ob sich ein Pleuraerguss gebildet hat – ein kleiner Eingriff, der große Bedeutung für den Heilungsverlauf hat. Die ersten Male, als ich Drainagen und Herzdrähte ziehen durfte, war ich unglaublich nervös – inzwischen gehört es für mich zur Routine. Der Pleuraschall ist eines meiner Lieblingstools geworden, weil man sofort eine klinische Veränderung sieht.
TIPP: Sobald ihr könnt, übt den Pleuraschall! An kaum einer anderen Stelle sieht man so schnell Erfolgserlebnisse.
Ab in den OP: Die große Bühne der Herzchirurgie
Parallel bereiten sich andere Kolleginnen und Kollegen auf die Arbeit im Operationssaal vor. Dort entfaltet sich die wahre Vielfalt der Herzchirurgie. Bypass-Operationen stellen die Durchblutung der Herzkranzgefäße wieder her, Herzklappen-Operationen reparieren oder ersetzen defekte Herzklappen, und Herzunterstützungssysteme wie L-VADs sowie Herztransplantationen retten Leben in kritischen Situationen.
Ein besonders faszinierender Bereich sind die komplexen Aortenoperationen, wie das Bentall- oder David-Verfahren, TEVAR und das Wheat-Verfahren. Das Bentall-Verfahren kommt zum Einsatz, wenn die Aortenwurzel erkrankt ist. Dabei werden die erkrankte Aortenwurzel und die Aortenklappe durch eine Prothese ersetzt, die beide Strukturen funktionsfähig hält. Das David-Verfahren ermöglicht hingegen den Erhalt der eigenen Herzklappe durch eine Rekonstruktion der erkrankten Herzklappe, während die Aortenwurzel durch eine Gefäßprothese ersetzt wird. TEVAR, oder Thoracic Endovascular Aortic Repair, ist ein minimalinvasives Verfahren, bei dem ein Stent über einen Katheter in die thorakale Aorta eingeführt wird, um Aneurysmen oder Dissektionen zu behandeln, ohne eine mediane Sternotomie durchführen zu müssen. Das Wheat-Verfahren wird bei besonders komplexen Aortenaneurysmen angewendet. Dabei wird die Aorta segmentweise ersetzt, während zusätzliche Maßnahmen die Organperfusion sichern und das Risiko von neurologischen Schäden oder Organversagen minimieren.
Diese Operationen erfordern nicht nur chirurgisches Können, sondern auch ein tiefes Verständnis der Anatomie, modernste Technik und perfekte Teamarbeit. Jeder Handgriff ist entscheidend, und jede Entscheidung kann das Leben der Patientinnen und Patienten unmittelbar beeinflussen.
Ich durfte bereits bei Bentall-, David- und komplexen Aorteneingriffen im OP stehen – und es sind jedes einzelne Mal Momente, die mich ehrfürchtig machen. Die Atmosphäre im Saal ist besonders: total fokussiert, fast ruhig.
TIPP: Wenn ihr im OP seid: Schaut nicht nur auf die Hände des Operateurs, sondern auf das ganze Team. Man lernt extrem viel über Kommunikation, Entscheidungsfindung und Sicherheit.
Zwischen OP, Station und Präzision – aus meiner Perspektive
Seit mittlerweile vier Jahren begleite ich die Abläufe in der Herzchirurgie und habe dabei jeden Aspekt dieses faszinierenden Fachgebiets hautnah erlebt. Ich habe Patientinnen und Patienten auf der Station betreut, Kurvenvisiten durchgeführt und wertvolle operative Erfahrung gesammelt. Jede Erfahrung, jeder kleine Eingriff und jeder Moment im OP haben mir gezeigt, wie essenziell Präzision, Teamarbeit und Verantwortungsbewusstsein sind. Gerade die emotionalen Momente – wenn Patientinnen und Patienten nach schwerer OP extubiert werden oder Familien das erste postoperative Update bekommen – prägen mich bis heute.
Dieser Alltag ist intensiv, lehrreich und oft emotional, aber gerade das macht ihn so einzigartig. Diese Einblicke motivieren mich jeden Tag aufs Neue, meinen Weg in der Herzchirurgie mit voller Hingabe weiterzugehen und mit jeder Erfahrung eine bessere Ärztin zu werden.