Dr. House, In aller Freundschaft und Co.: Wie realistisch sind Arztserien?

MDR/Saxonia/Tom Schulze
Drama nicht nur im OP โ€“ Arztserien oder Krankenhausserien faszinieren das Fernsehpublikum schon lange. Aus diesem Grund gibt es auch sehr viele von ihnen, die nicht nur das Geschehen in der Klinik, sondern auch zwischenmenschliche Geschichten thematisieren. Doch wie realistisch und medizinisch korrekt sind diese Arztserien eigentlich?

Ob nun Dr. House, die Schwarzwaldklinik, Scrubs, In aller Freundschaft oder Greyโ€™s Anatomy โ€“ wenn man nach Arztserien sucht, wird man sehr schnell fรผndig. Und beliebt sind sie ohne Frage: Greyโ€™s Anatomy kommt mittlerweile schon auf 19 Staffeln mit insgesamt รผber 400 Folgen, In aller Freundschaft erreicht sogar schon 25 Staffeln mit insgesamt 1.000 Folgen.

Die dargestellten ร„rztinnen und ร„rzte sowie die Pflegekrรคfte sind jung, hรผbsch, erfolgreich, intelligent und natรผrlich alle medizinische Experten. Doch wie viel Expertise steckt wirklich dahinter? Wie realistisch und vor allem medizinisch korrekt sind bekannten Arztserien und die in ihnen vorkommenden Krankheiten und Situationen? Oft gibt es einen รคrztlichen Berater oder Beraterin am Set, der die Drehbรผcher und Aktionen der Schauspielerinnen und Schauspieler auf ihre Korrektheit hin kontrolliert. Aber klappt das auch immer oder wann ist die Dramaturgie vielleicht wichtiger? Wir haben einige Arztserien unter die Lupe genommen:

In aller Freundschaft

Dr. Roland Heilmann und seine Kolleginnen und Kollegen aus der โ€žSachsenklinikโ€œ in Leipzig sind schon seit 1998 ein fester Bestandteil des deutschen Fernsehens und eine der beliebtesten Arztserien der Deutschen. Am 31. Januar 2023 lief die 1.000ste Folge der Serie.

Damit die medizinischen Begriffe und Vorgรคnge auch authentisch wirken, hat โ€žIn aller Freundschaftโ€œ mit Lydia Rudolph eine eigene medizinische Beraterin. Sie ist ehemalige Anรคsthesie- und Intensivschwester und hat auch ein wachsames Auge auf die Drehbรผcher, sodass diese medizinisch korrekt sind. Genauso instruiert sie die Schauspielerinnen und Schauspieler, wie sie beispielsweise die Instrumente im OP halten mรผssen, oder kontrolliert und koordiniert am Set im Operationssaal die Gerรคte und die Richtigkeit der Texte.

Doch ein komplett realistisches Bild kann die Serie nicht abbilden. So haben in der Realitรคt ร„rztinnen und ร„rzte nicht so viel Zeit, um so ausgiebig mit Patientinnen und Patienten zu sprechen โ€“ auch รผber nicht medizinische Themen โ€“ wie es bei โ€žIn aller Freundschaftโ€œ der Fall ist. Es gibt auch Aspekte, welche Zuschauende, die selbst Arzt oder ร„rztin sind, bemรคngeln: So seien in der Serie die Medizinerinnen und Mediziner Alleskรถnner. Egal, ob es sich um eine Herztransplantation oder um eine komplizierte internistische Differenzialdiagnostik handle, alles kรถnne von einer ร„rztin oder einem Arzt behandelt werden.

Doch vielleicht mach genau das den Charme von โ€žIn aller Freundschaftโ€œ aus. Hier wird eine fรผr Patientinnen und Patienten gewรผnschte Wirklichkeit dargestellt, die etwas Mรคrchenhaftes an sich hat. Damit auch das breite Fernsehpublikum ohne medizinisches Know-How der Handlung folgen kann, mรผssen manche medizinischen Aspekte zurรผcktreten oder leicht anders dargestellt werden, als es in Wirklichkeit der Fall wรคre. So liegt beispielsweise der Kopf eines Patienten mit Schรคdelverletzung nicht flach im Bett, wie es richtig wรคre, sondern leicht erhรถht, damit die Kamera ihn erfassen kann.

Dr. House

โ€žDr. Houseโ€œ oder โ€žHouse, M.D.โ€œ spielt im amerikanischen Princeton und lief mit insgesamt 177 Folgen in acht Staffeln von 2006 bis 2012 im deutschen Fernsehen. Die Hauptfigur ist der eigenwillige Spezialist fรผr Diagnostik, Infektionskrankheiten und Nephrologie, Dr. Gregory House. Zusammen mit seinem Team behandelt er Patientinnen und Patienten mit auรŸergewรถhnlichen Symptomen und Krankheiten und findet dabei โ€“ oft unkonventionelle โ€“ Behandlungs- und Heilungsmethoden. Besonders die ungewohnt zynische und sarkastische Art des Mediziners sowohl gegenรผber seinen Mitmenschen als auch gegenรผber seinen Patientinnen und Patienten hat die Serie zu einem Quotenliebling gemacht. In den USA hat sich sogar der Begriff โ€žHouseismโ€œ etabliert, der anlehnend an den Charakter sarkastische ร„uรŸerungen oder schwarzen Humor beschreibt. Doch einen Arzt oder eine ร„rztin mit den Charakterzรผgen eines Dr. House wird man im Alltag eher nicht finden. Natรผrlich besitzen Medizinerinnen und Mediziner oft einen gewissen Galgenhumor und eigene Schutzmechanismen, um diesen fordernden Job adรคquat ausรผben und das Geschehene verarbeiten zu kรถnnen. Aber generelle Reaktionen wie bei โ€žDr. Houseโ€œ sind unรผblich und รผberzeichnet.

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Die bei โ€žDr. Houseโ€œ dargestellten Krankheitsfรคlle sind nicht nur bei einem nicht-medizinischen Publikum beliebt. An der Universitรคt Marburg bietet Prof. Jรผrgen Schรคfer, der oft als โ€ždeutscher Dr. Houseโ€œ bezeichnet wird und Leiter des Zentrums fรผr unerkannte Krankheiten (ZUSE) am Universitรคtsklinikum Marburg ist, Dr.-House-Seminare fรผr Medizinstudierende an, um Interesse an seltenen Erkrankungen und Diagnostikstrategien zu wecken. Aus seiner Sicht sei die Arztserie fรผr das Fernsehen natรผrlich stark รผberspitzt, doch die Symptome der Krankheiten oder die Beschwerden seien durchaus realitรคtsnah und gut recherchiert.

Den Autoren von โ€žDr. Houseโ€œ steht ein dreikรถpfiges ร„rzteteam zur Seite, das sie in allen medizinischen Belangen berรคt. Dazu gehรถrt auch Dr. Lisa Sanders, Internistin und Professorin fรผr Innere Medizin und Pรคdagogik an der Yale School of Medicine. Ihre Kolumne โ€žDiagnosisโ€œ in der New York Times, in der sie medizinisch knifflige Fรคlle aus der Praxis darstellt, inspirierte die Autoren zu โ€žDr. Houseโ€œ. Es gebe auch Aspekte der Serie, die absolut nicht realistisch seien, so die Medizinerin. Dazu gehรถre, dass ร„rztinnen und ร„rzte selbst Tests anordnen und durchfรผhren, sogar Routineaufgaben wie das Blutabnehmen รผbernehmen. Man sehe nie Pflegekrรคfte oder Techniker in der Serie. Darรผber hinaus hรคtte Dr. House in der Realitรคt aufgrund seiner Medikamentensucht lรคngst seine Approbation verloren.

Bergdoktor

Dr. Martin Gruber ist der โ€žBergdoktorโ€œ und praktiziert in Ellmau, Tirol, als Hausarzt. Die Arztserie kommt auf mehr als 142 Folgen in bisher 16 Staffeln und ist noch immer beliebt. Die aktuell laufende Serie ist eine Neuauflage der gleichnamigen Serie, die bereits zwischen 1992 und 1997 im Fernsehen lief. Als Motivvorlage dient die Heftromanserie โ€žDer Bergdoktor: Schicksale zwischen Tal und Gipfelโ€œ, die im Bastei Lรผbbe Verlag erscheint.

Auch die โ€žBergdoktorโ€œ-Serie kommt ohne medizinische Beratung am Set nicht aus. Die Aufgabe รผbernehmen Dr. Pablo Hagemeyer, Facharzt fรผr Psychiatrie und Psychotherapie sowie Buchautor, und die gelernte Krankenschwester Franziska Rambousek, die auch als Komparsin vor die Kamera tritt, wenn fachliche Handgriffe gefragt sind. Hagemeyer hat zudem die medizinische Consulting-Agentur โ€žThe Doxโ€œ gegrรผndet, die Fernsehsender und Produktionsgesellschaften bei der Erstellung von Drehbรผchern und deren medizinischen Inhalten unterstรผtzt.

Auch beim โ€žBergdoktorโ€œ ist medizinisch nicht immer alles realistisch. Es sei aber auch immer noch eine Fernsehserie und kein Dokumentarfilm, wie Hagemeyer betont. Deswegen Dr. Martin Gruber als ein Arzt dargestellt, den sich viele Menschen wรผnschen: Er kennt sich in sehr vielen Fachbereichen aus oder kann sich schnell einlesen und hat sogar fรผr einen einzelnen Patienten oder eine Patientin mehrere Tage Zeit. In der Realitรคt ist so etwas natรผrlich nicht der Fall. Damit die Geschichten spannend bleiben, kommen beim โ€žBergdoktorโ€œ keine einfachen Erkรคltungen vor, sondern eher spezielle und seltene Krankheiten, die Dr. Gruber manchmal auch mit noch nicht praxisreifen Methoden behandelt. Oft mรผsse die Krankheit auch zeitlich verdichtet werden, denn pro Folge mรผsse der Bergdoktor in nur drei Tagen den Patienten oder die Patientin heilen. Hagemeyer achtet bei allem dennoch darauf, dass es medizinisch plausibel bleibt und die Details stimmen. Allerdings gibt er zu, auch schon fรผr die Serie Krankheiten erfunden zu haben.

Greyโ€™s Anatomy

Eine der am lรคngsten laufenden Arztserien weltweit ist โ€žGreyโ€™s Anatomyโ€œ. Seit 2005 thematisiert die Serie das Leben von mehreren Assistenzรคrztinnen und -รคrzten rund um die Hauptfigur Meredith Grey, die am fiktiven Seattle Grace Hospital arbeiten. Derzeit kommt die preisgekrรถnte Arztserie auf mehr als 400 Folgen in 19 Staffeln.

So beliebt โ€žGreyโ€™s Anatomyโ€œ ist, so unrealistisch ist das Format. Die Serie erfindet zwar keine Krankheiten oder Operationen, aber sie geht auch nicht wirklich ins Detail und viele Aspekte werden extra fรผr das Fernsehen dramatisiert. Nicht realistisch ist auรŸerdem, dass oft nicht qualifizierte ร„rztinnen und ร„rzte Operationen durchfรผhren dรผrfen oder die ร„rztinnen und ร„rzte regelmรครŸig im Bereitschaftsraum Sex haben. Darรผber hinaus wird oft kritisiert, dass die Darstellung der Arbeit von Assistenzรคrztinnen und -รคrzten in der Serie falsch ist. Dort wรผrden sie 48-Stunden-Schichten arbeiten oder sรคmtliche Tรคtigkeiten von Blutabnehmen bis zu komplexen Operationen durchfรผhren. Das entspreche auf keinen Fall der Realitรคt.

In einer Studie haben amerikanische Forscher 2018 verglichen, inwieweit Fรคlle aus โ€žGreyโ€™s Anatomyโ€œ und die Realitรคt auseinanderdriften. Dafรผr untersuchten sie 269 Episoden der beliebten Serie mitsamt der 290 vorkommenden Patientenfรคlle im Vergleich zu 4.812 Patienten aus der National Trauma Databank 2012. Sie stellten fest, dass die Sterblichkeit der Patientinnen und Patienten bei โ€žGreyโ€™s Anatomyโ€œ dreimal so hoch war wie in der Realitรคt (22 Prozent vs. sieben Prozent). AuรŸerdem kamen in der Serie die Behandelten in 71 Prozent der Fรคlle direkt von der Notaufnahme in den OP, in der Realitรคt war das nur bei 25 Prozent der Fall. Dagegen durfte mehr als die Hรคlfte der Patientinnen und Patienten mit schweren Verletzungen in der Serie das Krankenhaus bereits nach einer Woche oder weniger wieder verlassen. In der Realitรคt hatten nur etwa 20 Prozent dieses Glรผck.

Dabei kann die Produzentin Shonda Rhimes beim Dreh der Serie auf das medizinische Fachwissen der Executive Producer Dr. Zoanne Clack und Dr. Fred Einesman zurรผckgreifen. Beide waren frรผher als Notfallmediziner tรคtig. Damit die Handlungen im OP ebenso korrekt wirken, ist in jeder Staffel die OP-Schwester Bokhee An, auch bekannt als Kathy C. An, dabei. Sie ist eine echte OP-Schwester, die im Raum Los Angeles arbeitet, und den Schauspielern mit ihren Erfahrungen zur Seite stehen soll. Dementsprechend wirken diese Szenen sehr realistisch und auch die verwendeten Fachtermini werden zum GroรŸteil korrekt eingesetzt. Hier kritisieren manche ร„rztinnen und ร„rzte nur, dass die Sprache teilweise unnรถtig kompliziert und zu medizinisch dargestellt wird, was nicht immer dem tatsรคchlichen Alltag im Krankenhaus entspreche.

Doch โ€žGreyโ€™s Anatomyโ€œ lebt nicht nur von den medizinischen Aspekten, sondern vielmehr von den Liebes- und Herzschmerz-Dramen, die sich rund um die Hauptfigur ereignen. Zusammen macht das den Reiz der Serie aus und der Erfolg scheint den Machern recht zu geben.

Chicago Med.

โ€žChicago Med.โ€œ spielt, wie der Name vermuten lรคsst, in Chicago. Im Mittelpunkt stehen die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Gaffney Chicago Medical Centers. Die Serie ist ein Ableger der Serie โ€žChicago Fireโ€œ, spielt im selben Serien-Universum, und lรคuft seit 2015. Mittlerweile umfasst die Serie mehr als 155 Folgen in acht Staffeln.

Medizinischer Berater der Serie ist Dr. Andrew Dennis, selbst Unfallchirurg mit der Spezialisierung auf Verbrennungen und Polizeibeamter, der in Chicago arbeitet. Er hat nicht nur einen kritischen Blick auf die Drehbรผcher und die Storyline, sondern achtet am Set auch auf die Requisiten und ob die Schauspielerinnen und Schauspieler dieser richtig verwenden oder die richtigen medizinischen Fachbegriffe nutzen. Dr. Oren Gottfried, Neuochirurg, war ebenso einige Zeit medizinischer Berater bei โ€žChicago Med.โ€œ. Doch er ist nicht nur im realen Leben ein Neurochirurg. Auch in der Serie hat er bereits einige Male bei Operationen einen Neurochirurgen gespielt, um die Darstellung so realistisch wie mรถglich zu gestalten. AuรŸerdem gibt er den Schauspielerinnen und Schauspielern Tipps, wie sie noch mehr wie echte Chirurginnen und Chirurgen wirken kรถnnen.

Das Autorenteam achtet auch darauf, dass nur bereits verรถffentlichte Fรคlle in der Serie verarbeitet werden. Die verwendete Terminologie ist ebenso korrekt wie die gezeigten medizinischen Vorgรคnge. Dennis selbst sagt, dass ungefรคhr 85 Prozent der gezeigten medizinischen Vorgรคnge und Geschichten realistisch seien. Das mache โ€žChicago Med.โ€œ zu einer der realistischsten Arztserien, die es gibt. Allerdings gibt Gottfried zu, dass manche Zugestรคndnisse an die Dramaturgie der Serie unvermeidlich seien. Dazu gehรถre die ausschlieรŸliche Konzentration auf medizinische Fรคlle mit Komplikationen, die eine interessante Erzรคhlung ergeben, obwohl die Hรคufigkeit solcher Komplikationen im wirklichen Leben ziemlich gering ist. Denn natรผrlich kommt auch โ€žChicago Med.โ€œ nicht ohne Drama โ€“ egal ob medizinisch oder zwischenmenschlich โ€“ aus. Fรผr Gottfried schlieรŸen sich eine spannende Geschichte und medizinische Akkuratesse aber nicht aus: โ€žDu schaust dir die Show an und du schaust dir die Action an, aber warum kann ich nicht einfach alles haben? Warum kann ich es nicht medizinisch genau haben und trotzdem eine groรŸartige Geschichte erzรคhlen?โ€œ

The Good Doctor

Ebenfalls beliebt fรผr die nicht ganz typische Hauptfigur ist โ€žThe Good Doctorโ€œ. Die Handlung dreht sich um den jungen Chirurgen Dr. Shaun Murphy, der es aufgrund seines Autismus mit Inselbegabung (Savant-Syndrom) am kalifornischen San Jose St. Bonaventure Hospital nicht immer leicht hat. Die amerikanische Arztserie lรคuft seit 2017 und kommt mittlerweile auf mehr als 109 Folgen in sechs Staffeln. Wie auch schon โ€žDr. Houseโ€œ stammt โ€žThe Good Doctorโ€œ aus der Feder von David Shore.

Auch diese Arztserie kommt ohne Klischees nicht aus: Seien es die ausnahmslos attraktiven ร„rztinnen und ร„rzte, der arrogante Star-Chirurg oder die zahllosen Affรคren der Mitarbeitenden untereinander. Die einzige Ausnahme bildet hier die Hauptfigur des Shaun Murphy. Als Autist fรคllt es ihm schwer, Empathie zu zeigen und auf andere Menschen einzugehen. Deswegen ist er oft sehr direkt und nimmt fast alles wรถrtlich. Aber genau diese emotionale Distanz mit seinem gleichzeitigen Genie bildet den Kern der Arztserie. Jedoch gibt es auch hier Kritik am dargestellten Autismus: Die Autismus-Spektrum-Stรถrung ist sehr vielfรคltig, sodass eine Figur unmรถglich alle Symptome akkurat darstellen kann. Jedoch ist die Figur des Dr. Shaun Murphy und seines Autismus bisher gut getroffen: Probleme mit lauten Gerรคuschen oder flackernden Lichtern, Unverstรคndnis gegenรผber Sarkasmus oder fehlende Empathie sind Probleme, die bei Personen mit Autismus auftreten kรถnnen. Allerdings ist die Kombination aus Autismus und Inselbegabung sehr selten.

โ€žThe Good Doctorโ€œ ist wie andere medizinische Dramen nicht immer genau in Bezug auf tatsรคchliche Krankenhausablรคufe, aber Operationen und grausame Verletzungen werden auf realistische Weise dargestellt, damit sie sich glaubwรผrdig anfรผhlen. Diese Aufgabe รผbernimmt die Firma MastersFX fรผr visuelle Effekte. Das Team arbeitet auch mit den medizinischen Beratern der Show zusammen und verwendet Clips von tatsรคchlichen Operationen als Referenz. Wie auch schon bei โ€žChicago Med.โ€œ รผbernimmt bei โ€žThe Good Doctorโ€œ der Neurochirurg Dr. Oren Gottfried die Aufgabe des medizinischen Beraters. Zwar gibt es Kritiken, dass einige Vorgรคnge, Verfahren oder Protokolle nicht realistisch dargestellt werden, doch im Hinblick auf die medizinische Fachsprache, Diagnosen und Behandlungen schneidet โ€žThe Good Doctorโ€œ besser ab als viele andere Arztserien. Die professionelle Krankenschwester und Schauspielerin Rebecca Brown, die oft in der Serie auftritt, sagte in einem Instagram-Live-Chat, dass es Dinge gebe, die sie manchmal optimieren mรผssen, aber die Schritte, die das Publikum sehe, korrekt seien. Abstriche in Sachen Dramaturgie und Zeitstraffung treffen also auch โ€žThe Good Doctorโ€œ.

Emergency Room

โ€žEmergency Roomโ€œ oder auch kurz โ€žERโ€œ ist eine der bekanntesten Arztserien und feierte groรŸe Erfolge. Sie lief zwischen 1994 und 2009 und hat 15 Staffeln mit insgesamt 331 Folgen. Der Fokus der Handlung liegt auf der Notaufnahme eines fiktiven Chicagoer Lehrkrankenhauses. Die Idee zu โ€žEmergency Roomโ€œ stammt vom Bestseller-Autor Michael Crichton, der auch das Drehbuch zu โ€žJurassic Parkโ€œ schrieb. Heute international bekannte Filmstars wie George Clooney hatten ihren Durchbruch dank dieser Serie.

Zuvor waren in Deutschland Arztserien wie die โ€žSchwarzwaldklinikโ€œ bekannt โ€“ Halbgรถtter in WeiรŸ, รผber jeden Zweifel erhaben und das Erzรคhltempo war eher gemรคchlich. Durch โ€žERโ€œ verรคnderte sich dieses Bild erstmals drastisch. Denn die Erzรคhlweise war ungewรถhnlich temporeich, pro Folge wurden viele Patientinnen und Patienten behandelt, so wie es auch in einer realen Notaufnahme der Fall ist. Dabei wurden von HIV-Diagnosen รผber Schussverletzungen und Kindesmisshandlung bis hin zu Suizidversuchen und Rassismus diverse Themen schonungslos dargestellt. Die ร„rztinnen und ร„rzte sind nicht mehr unfehlbar, sondern haben Schlafmangel, sind gestresst und รผberarbeitet oder haben auch Selbstzweifel. Gemessen an den Auszeichnungen, die โ€žERโ€œ erhalten hat (124 Nominierungen, 23 Auszeichnungen mit dem US Emmy-Award) oder den Einschaltquoten (durchschnittlich 30 Millionen Zuschauer allein in der ersten Staffel) ist sie eine der erfolgreichsten Fernseh- und Arztserien der USA.

Beliebt war โ€žERโ€œ auch bei realen ร„rztinnen und ร„rzten. Denn Crichton, der selbst Medizin studierte und als Assistenzarzt arbeitete, achtete peinlich darauf, dass alles medizinisch korrekt blieb, die richtigen Fachtermini verwendet wurden und die Schauspielerinnen und Schauspieler alle Instrumente richtig benutzten. Brauchte ein Schauspieler zum Beispiel zu lange, um sich die medizinischen Schutzhandschuhe รผberzustreifen, wurde die Szene erneut gedreht. Es war nicht geplant, dass Zuschauerinnen und Zuschauer die Fachtermini verstehen sollten oder diese dem Publikum erklรคrt werden. Vielmehr sollten sie der Kรถrpersprachen und den Gesten der Schauspieler verfolgen, um den Eindruck und die Dramaturgie einer echten Notaufnahme zu erleben. Als Statisten wurden auรŸerdem hรคufig echte Krankenschwestern und Pfleger engagiert, die den Schauspielerinnen und Schauspielern zusรคtzlich Hinweise fรผr eine realistische Darstellung gaben. Darรผber hinaus achtete Crichton darauf, dass beispielsweise auch die Schubladen und Schrรคnke in den Drehrรคumen nur Dinge enthielten, die dort in einem echten Krankenhaus auch wรคren. Die Ereignisse beruhen auf echten medizinischen Fรคllen, die Crichton wรคhrend seiner Zeit als Assistenzarzt gesammelt hat. Auch Fรคlle anderer medizinischer Beraterinnen und Berater wurden verwendet. Die Recherche und Prรผfung aller Fรคlle dauerte mehrere Wochen und durchlief viele Freigabeprozesse. Da dieser Fokus auf die medizinische Authentizitรคt sehr hoch war, betrugen auch die Produktionskosten pro Folge mehrere Millionen US-Dollar. Das brachte โ€žERโ€œ den Status als eine der teuersten Fernsehserien der USA ein.

Auch das Deutsche ร„rzteblatt bescheinigte der Arztserie, medizinisch sorgfรคltiger recherchiert und ausgefรผhrt zu sein, als es bei vielen anderen Konkurrenzserien der Fall sei. Seminare fรผr Medizinstudierende an der Charitรฉ in Berlin zum Thema Team-Kommunikation und Umgang mit รคrztlichen Fehlern im Team hรคtten zudem gezeigt, dass die Serie ein gutes und sinnvolles Medium fรผr die Unterrichtsgestaltung sei. Einen Kritikpunkt gibt es aber auch bei โ€žERโ€œ: Die spรคteren Staffeln legen mehr Wert auf zwischenmenschliche Beziehungen, das Medizinische tritt in den Hintergrund. Auch die Figuren selbst sind nicht mehr so interessant wie noch zu Beginn der Serie. Mit dem Weggang vieler beliebter Figuren wie Dr. Ross oder dem Tod von Dr. Greene sanken in den spรคteren Staffeln auch die Zuschauerzahlen.

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