Wie viele Obdachlose leben in Berlin?
Dr. Christoph Biella: Insgesamt geht man von knapp 55.000 wohnungslosen Menschen aus, wobei die Grauzone beachtlich ist. Auch existieren große Unterschiede: 2024 waren rund 47.000 Betroffene untergebracht, etwa in Trägerwohnungen oder Wohnheimen. Zudem gibt es verdeckt Wohnungslose, die bei Freunden oder Familie unterkommen. Schätzungsweise 6.000- bis 10.000 Menschen leben direkt auf der Straße. Und es werden immer mehr.
Wer kommt zu Ihnen?
Dr. Christoph Biella: Das ist ebenfalls ein breites Spektrum. Grob gesagt ist unser Durchschnittspatient um die 40 und männlich. Der Frauenanteil beträgt vielleicht 15 Prozent. Bei unserer Gründung vor zwanzig Jahren kamen überwiegend Deutsche. Heute stammen rund 60 Prozent aus dem Ausland. Als niedrigschwellige Einrichtung werden erstmal alle behandelt.
Warum sind diese Menschen abgerutscht?
Dr. Christoph Biella: Oft stecken Schicksalsschläge dahinter. Wir sehen viele, die nach Deutschland kamen, um zu arbeiten und das teilweise auch taten, allerdings oft schwarz. Manche sind zehn Jahre und mehr hier. Wir fragen immer, wie es mit ihrer Familie aussieht, aber meist ist der Kontakt abgebrochen. Wer eine Weile hier arbeitet, merkt jedoch, wie vielfältig das ist. Einmal behandelte ich eine junge Mutter, die kurzfristig ihre Rechnungen nicht bezahlen konnte. Wir hatten aber auch schon Professoren oder Menschen, die selbst in der Beratung tätig waren.
Welche gesundheitlichen Probleme sind am häufigsten?
Dr. Christoph Biella: Auf Platz 1 steht die Wundversorgung. Der Überlebenskampf bei Wind und Wetter und die eingeschränkte Hygiene haben oft schwere Hauterkrankungen zur Folge. Daneben sehen wir auch Schnittverletzungen oder, wenn es mal eine Schlägerei gegeben hat, Läsionen im Gesicht. Im Winter sind viele zudem stark erkältet. Bettruhe ist für viele ja quasi unmöglich. In manchen Notunterkünften schlafen 20 bis 30 in einem Raum. Das sind schlechte Voraussetzungen, um zu genesen.
Was gibt es noch?
Dr. Christoph Biella: In der kalten Jahreszeit behandeln wir mehrmals pro Woche Skabies sowie Kopf- und Kleiderläuse. Insgesamt sehen wir zudem etliche chronische Erkrankungen sowie häufig psychiatrische oder psychische Probleme, inklusive einem hohen Anteil an Substanz-Abusus. Unsere Klientel ist meist deutlich kränker als die einer Hausarztpraxis. Die Lebenserwartung von Obdachlosen liegt um 15 bis 20 Jahre niedriger, auch weil sie den Arztbesuch lange aufschieben. Daher habe ich einen deutlich höheren Anteil, den ich ins Krankenhaus schicke.
Wie steht‘s mit der Compliance?
Dr. Christoph Biella: Die ist teilweise sehr gering. Manchmal bekommen wir große Wunden ganz gut hin, weil die Leute regelmäßig wiederkommen. Doch dann taucht der- oder diejenige plötzlich nicht mehr auf und in zwei Monaten sieht es schlimmer aus als vorher. Das frustriert. Doch es gibt auch die guten Geschichten. So behandelten wir einmal einen Mann mit einer massiven Hypothermie. Wir versorgten ihn täglich wegen einer trockenen Nekrose an der Großzehe. Als sich diese infizierte, kam er ins Krankenhaus. Anschließend machte er eine Langzeit-Reha wegen seines Alkoholabusus. Gerade im Austausch mit den älteren Kolleginnen und Kollegen hört man immer wieder von Menschen, die man schon fast abgeschrieben hatte und die dann doch die Kurve kriegten und mittlerweile sogar eine eigene Wohnung haben. Das hilft, den Mut nicht zu verlieren, und am Ball zu bleiben.
Muss man manchmal sehr direkt werden?
Dr. Christoph Biella: In Watte packen, hilft nicht. Oft ist eine klare Ansage besser. Wenn ich das Gefühl habe, die Person muss wirklich wachgerüttelt werden, warne ich zum Beispiel auch, dass sie das Bein verlieren kann. Unser Ziel ist auch, die Krankenhäuser zu entlasten. Wenn die Leute rechtzeitig zu uns kommen, bleiben die nicht auf den Kosten sitzen.
Wie läuft ein normaler Tag ab?
Dr. Christoph Biella: Wir sind eine offene Sprechstunde. Also ist es mal ruhig, und dann kommen alle auf einmal, meist am Montag oder Freitag. Auch ist im Winter deutlich mehr los. Durchschnittlich behandeln wir zwischen zehn und 15 Hilfesuchende pro Tag. Verglichen mit einer normalen Hausarztpraxis mag das wenig erscheinen, aber fast alle sind sehr anspruchsvoll. Sie brauchen deutlich mehr Zeit, bei parasitären Erkrankungen bis zu zwei Stunden. Eine große Herausforderung ist, dass viele kein oder nur gebrochen Deutsch sprechen. Auch können manche aggressiv werden.
Wie managen Sie das?
Dr. Christoph Biella: Wer uns aufsucht, muss klingeln und kommt zunächst in einen Windfang. Unsere geschulten Krankenpfleger schauen, ob sie jemand reinlassen können oder sagen müssen „in dem Zustand geht es heute leider nicht“, wenn zum Beispiel Drogen konsumiert wurden. Benimmt sich jemand total daneben, sprechen wir auch Hausverbote aus.
Welches medizinische Equipment gibt es?
Dr. Christoph Biella: Wir arbeiten viel mit klinischer Diagnostik, wie der Bestimmung der Vitalparameter. Ich finde schön, wie weit wir mit einfachen Mitteln kommen ohne große apparative Diagnostik. So versorgen wir oft „old school“ mit Jod und Wunddistanzgitter, weil das länger drauf bleiben kann. Zusätzlich haben wir Ultraschall und können Blut entnehmen, das kostenlos von einem großen Labor analysiert wird. Dank einer Spende besitzen wir ein neues EKG und können die Werte digital übertragen.
Was deckt das Gesundheitszentrum noch alles ab? Wer arbeitet dort?
Dr. Christoph Biella: Unser Ziel ist die Reintegration. Das kann man nur erreichen, wenn man ganzheitlich hilft. Die Wunde eines Obdachlosen ist ja nur die Spitze des Eisbergs. Es ist wichtig, dass alles unter einem Dach ist. Denn es ist für die Betroffenen kaum möglich, von A nach B zu rennen. Zum festangestellten medizinischen Team gehören zwei Krankenpfleger, eine Krankenpflegerin sowie eine Zahnarzthelferin und ich als Allgemeinmediziner. Darüber hinaus engagieren sich mehrere ehrenamtliche, zumeist pensionierte Kollegen und Kolleginnen, meist einmal die Woche vormittags: ein Neurochirurg, ein Dermatologe, ein Internist sowie vier Zahnärztinnen und Zahnärzte und zwei Augenärztinnen.
Was gehört noch zum Angebot?
Dr. Christoph Biella: Ich decke einen Teil der Orthopädie ab, weil das zu meiner Facharztausbildung in Schweden gehörte. Röntgen können wir nicht, bei Fraktur-Fragestellungen überweisen wir ins Krankenhaus. Wir bieten zudem psychologische und Suchtberatung sowie ganz essenziell Sozialberatung. Hier helfen wir bei verschiedenen sozialen Fragestellungen, klären aber auch, ob eine Krankenversicherung besteht und die Person sich fürs nächste Mal einen niedergelassenen Arzt suchen muss. Und: Es gibt Frühstück und Mittagessen, eine Kleiderkammer sowie Duschen.
Können Sie einen besonderen Fall schildern?
Dr. Christoph Biella: Wir hatten im letzten Jahr einen polnischen Patienten bei uns, den ich regelrecht bremsen musste, wieder eine Arbeit aufzunehmen. Er war im Krankenhaus mit einer massiven Weichteilinfektion am linken Oberschenkel über einen Monat behandelt worden und hatte auch ein Spalthauttransplantat erhalten. Er kam dann für die Nachversorgung zu uns, ist immer pünktlich zu den Kontrollen erschienen und hat sich eigenständig darum gekümmert, einen neuen Job zu finden. Das ist ein schönes Beispiel dafür, wie viel in unserem Bereich trotz aller Hürden möglich ist.
Warum arbeiten Sie dort?
Dr. Christoph Biella: Ich habe mir diesen Arbeitsplatz bewusst ausgesucht. Während meines Studiums hörte ich an der Uni einen sehr beeindruckenden Vortrag unserer Gründerin Dr. Jenny de la Torre Castro, die leider 2025 verstorben ist. Sie war die Pionierin der Obdachlosen-Medizin, hat vor 30 Jahren am Ostbahnhof ein erstes Projekt ins Leben gerufen. Ihr Credo war, hinter all dem Elend den Menschen zu sehen, ihn nicht fallen zu lassen und zu glauben, dass Rettung möglich ist. Ich habe hier zuvor auch mehrmals hospitiert, um sicherzugehen, dass es wirklich passt.
Wie schaffen Sie ganz persönlich Distanz zum Elend?
Dr. Christoph Biella: Mir hat es geholfen, dass ich regulär in Schweden in einer Arztpraxis gearbeitet habe. Im dortigen System habe ich die Erkenntnis gewonnen, dass jeder von uns eine große Eigenverantwortung hat. Wir bieten Hilfe an, aber die Menschen müssen selbst auch die Veränderung wollen, um aus dieser Abwärtsspirale wieder raus zu kommen.
Aber das ist doch nicht einfach, oder?
Dr. Christoph Biella: Ja, wer einmal auf der Straße gelandet ist, hat es ganz schwer, wieder weg zu kommen. Gerade für Menschen, die bereit dazu sind, ist aber wichtig, dass wir sie auffangen und das überbrücken. Man muss Schritt für Schritt gucken, dass es wieder nach oben geht. Es dauert oft Monate sogar Jahre, bis sie wieder Fuß gefasst haben. Manchmal können wir aber auch sehr schnell und effektiv helfen.
Wie das?
Dr. Christoph Biella: Ich habe letzte Woche eine Studentin mit Fieber und Atemproblemen behandelt, die wegen Geldproblemen die Kassenbeiträge nicht bezahlen konnte. Sie hatte eine Pneumonie, wollte aber auch nicht ins Krankenhaus, weil sie sich schämte. Es ist toll, wenn wir da auch helfen können, und die Leute rechtzeitig zu uns kommen. Die junge Frau ist jetzt wieder im Gespräch mit ihrer Krankenkasse.
Können Sie sich dort fachlich weiterentwickeln?
Dr. Christoph Biella: Ja, sogar auf mehreren Ebenen. Als kleine Einrichtung, komplett durch Spenden finanziert, sind die Wege kurz. Wer eine gute Idee hat, kann ganz schnell Dinge bewegen. Von fachlicher Seite ist es toll, mit den anderen Disziplinen im Austausch zu sein. Außerdem bekomme ich einen sehr tiefen Einblick in die Gesellschaft mit ihren Höhen und Abgründen. Gerade bei Menschen aus dem Ausland, die keinen Anspruch auf Sozialleistungen haben, kann Integration doch nur sehr schwer stattfinden. Da müsste man gesamt europäisch schauen, wie man das besser gestalten kann.
Brauchen Sie Unterstützung?
Dr. Christoph Biella: Im Moment sind wir sehr gut aufgestellt, aber es gibt immer wieder Fluktuation. Interessierte Kolleginnen und Kollegen können uns gerne eine E-Mail schreiben. Wenn es passt, laden wir zur Hospitation ein. Viele Anfragen kommen auch von Medizin-Studierenden, die bei uns famulieren oder für einen Tag hospitieren wollen. Das sind immer wieder sehr motivierte junge Menschen, die eine große Bereicherung für unseren Praxisalltag darstellen.

