Soziale Medien als Informationsquellen werden wichtiger
Soziale Medien prägen zunehmend, wie Menschen über Gesundheit denken und handeln. Viele Patientinnen und Patienten beziehen ihre Informationen heute nicht mehr ausschließlich aus klassischen Quellen oder dem direkten Arztkontakt, sondern aus sozialen Netzwerken. In diesem Kontext gewinnen medizinisch fundierte Inhalte, die von Ärztinnen und Ärzten selbst kommuniziert werden, an Relevanz, und zwar als Gegenpol zu unspezifischen oder sogar irreführenden Beiträgen Dritter.
Eine Studie aus dem Jahr 2024 (Engel et al., European Journal of Public Health, 2024) zeigt, dass Health Influencer in sozialen Medien besonders bei jungen Menschen eine große Reichweite und ein hohes Vertrauen genießen. Laut einer Befragung österreichischer Jugendlicher und junger Erwachsener folgen drei Viertel der Befragten mindestens einem Health Influencer, und mehr als ein Drittel sieht deren Beiträge als gesundheitsförderlich an. Gleichzeitig sehen fast ebenso viele diese Inhalte als potenziell schädlich an, weil Expertise und Motivation nicht immer transparent sind. Insgesamt wird das Vertrauen in Health Influencer in etwa genauso hoch eingeschätzt wie in klassische Medien.
Medizinische Aufklärung im digitalen Raum
Diese Entwicklung verdeutlicht die wachsende Bedeutung medizinischer Kommunikation in digitalen Räumen: Zwar kann Social Media Gesundheitswissen verbreiten und positive Verhaltensweisen stärken, zugleich steigt das Risiko, dass nicht evidenzbasierte Inhalte viral gehen. Damit stehen Ärztinnen und Ärzte vor der Frage, ob sie die digitale Gesundheitskommunikation anderen überlassen oder selbst Verantwortung übernehmen.
Wie ärztliche Gesundheitskommunikation in sozialen Medien konkret aussehen kann, zeigt die Arbeit von Felix M. Berndt (doc.felix). Der Mediziner nutzt soziale Medien als approbierter Arzt, um medizinische Aufklärung zu leisten und gesundheitliche Prävention verständlich zu machen. Er ist einer der sichtbarsten Medical Influencer im deutschsprachigen Raum. Seinem Profil @doc.felix auf Instagram folgen mehr als 1,8 Millionen Menschen. Auch auf TikTok und YouTube erreicht er mittlere bis hohe sechsstellige Follower-Zahlen. Im Interview spricht er darüber, was ihn als Healthfluencer antreibt und warum er sich mehr Mitstreitende aus der Ärzteschaft wünscht.
Interview mit Felix M. Berndt
Wie kam es dazu, als Arzt Inhalte für soziale Medien zu erstellen?
Felix M. Berndt: Ich habe während meines Medizinstudiums für mich erkannt, dass das Gesundheitssystem auf falschen Füßen steht. Die Menschen gehen zur Ärztin, zum Arzt, wenn sie krank sind, und bekommen dann Medikamente verschrieben oder werden auf den OP-Tisch gelegt. Ich habe mich gefragt: Warum kann man nicht zur Ärztin oder zum Arzt gehen, bevor man überhaupt erst krank wird? Als Student habe ich diese Idee auch tatsächlich versucht umzusetzen und wurde recht schnell frustriert. Ich merkte, dass es gar nicht nur an systemischen Fehlern oder gar den Ärztinnen und Ärzten liegt, sondern an der fehlenden Motivation der Patientinnen und Patienten, sich frühzeitig um ihre Gesundheit zu kümmern.
Man kennt es ja selbst: Wenn es mir gut geht, habe ich ja keinen Bedarf nach Veränderung. Erst wenn es mir schlecht geht, schaue ich genauer hin. Und dann will ich natürlich auch sehr gern eine schnelle Lösung und möglichst zügig wieder die Praxis verlassen. Sich mit dem eigenen Gesundheitszustand auseinanderzusetzen kann nämlich auch unangenehm sein.
Gleichzeitig habe ich aber auch in meinem Umfeld und in der gesellschaftlichen Entwicklung bemerkt, dass die Menschen sich immer stärker an Influencerinnen und Influencern orientieren. So kam mir die Idee, meine Vision einer Gesundheitsaufklärung mit Social Media zu verbinden und somit präventiv als Arzt zu arbeiten. Ich sehe dies nicht als Ersatz einer medizinischen Arbeit in einer Praxis, sondern als sinnvolle Ergänzung.
ZITAT
Sie haben also einen Bedarf in Sachen Gesundheitskommunikation gesehen. Welche Lücke in der medizinischen Kommunikation wollen Sie damit schließen?
Felix M. Berndt: Die Lücke besteht für mich im Kommunikationsanlass. Warum kann die Ärztin, der Arzt mir nicht erklären, wie ich gesund bleibe und gar nicht erst krank werde? Ich würde mir wünschen, dass die Menschen sich aktiv mit ihrer Gesundheit beschäftigen und Ärztinnen und Ärzte mögliche Ansprechpartner sind und Unterstützungsangebote liefern können. Das würde auf lange Sicht meiner Ansicht nach das Gesundheitssystem stark entlasten.
Für Ärztinnen und Ärzte gibt es aber wiederum kein Vergütungsmodell, was präventive Arbeit angeht. Stellen sie ein Rezept aus oder messen den Blutdruck eines Patienten oder einer Patientin, dann können sie dies in Rechnung stellen. Ein längeres Aufklärungsgespräch über gesunde Ernährung oder beispielsweise Stressmanagement ist aber nicht abrechnungsfähig. Fraglich ist auch, ob der Mensch, der zum Beispiel mit Rückenschmerzen in die Praxis geht, ein solches Gespräch überhaupt führen möchte. Ich biete mit meiner Arbeit ein völlig anderes Setting, als es in der Arztpraxis möglich wäre, und kann damit die Lücke der Präventionsarbeit schließen.
Welche Rolle spielt die ärztliche Verantwortung bei der Vermittlung von Gesundheitsthemen?
Felix M. Berndt: Die ärztliche Verantwortung spielt eine große Rolle, da sie die Expertise für Gesundheitsthemen haben. Die Gefahr an Social Media ist, dass sich grundsätzlich jeder einen weißen Kittel anziehen und ein Stethoskop umhängen kann, ohne das entsprechende Studium zu haben. Deshalb plädiere ich dafür, dass sich mehr medizinisches Fachpersonal in die Öffentlichkeit wagt und für fundierte gesundheitliche Aufklärung sorgt.
Social Media funktioniert über einfache Zugänge zu Informationen, die möglichst einfach aufbereitet sind. Viele medizinische Inhalte sind aber nicht simpel, sondern komplex. Wie lässt sich Komplexität vereinfachen, ohne dass Inhalte an fachlicher Präzision verlieren?
Felix M. Berndt: Das ist grundsätzlich eine schwierige Gratwanderung. Ich versuche immer, die Leute mit Infotainment abzuholen. Wird es zu kompliziert, hört man nicht mehr zu und dann verfehlt man sein Ziel. Wenn ich möchte, dass die Menschen gesünder werden, muss ich meinen Fokus darauf legen, was sie in ihrem Alltag umsetzen können. Dazu versuche ich das nötige medizinische Hintergrundwissen quasi didaktisch reduziert mitzuliefern.
Mangelnde Kompetenz und Transparenz sind gefährlich
Nach welchen Kriterien wählen Sie Themen aus, die Sie öffentlich aufgreifen?
Felix M. Berndt: Ich suche meine Themen nach gesellschaftlicher Relevanz und eigenem Interesse aus. Natürlich kann ich Themen, die ich selbst spannend finde, auch anregender darstellen. Da ich vielseitig interessiert bin und auch gerne selbst gesundheitliche Trends an mir ausprobiere, kann ich aber auf einen großen Fundus zurückgreifen.
Welche Formen von Gesundheitskommunikation in sozialen Medien bereiten Ihnen Sorge?
Felix M. Berndt: Wie schon erwähnt sind Menschen in den Sozialen Medien tendenziell gefährlich, die keine fundierte medizinische oder gesundheitliche Ausbildung genossen haben und vor allem dies nicht transparent kommunizieren. Dann spielen plötzlich für Reichweite und Relevanz nicht mehr inhaltliche Richtigkeit und Verlässlichkeit eine Rolle, sondern Provokation oder reines Entertainment. Für den Verbraucherinnen und Verbraucher ist es manchmal schwierig zu differenzieren, welche Informationen seriös sind und welche nicht.
Außerdem wollen wir Menschen auch manchmal bestimmte Dinge glauben, wenn sie zum Beispiel unsere Meinung bestätigen oder in unser Weltbild passen. So tendiert man doch eher dazu, an ein Horoskop zu glauben, wenn es einem passend oder gut vorkommt – tatsächlich selbst wenn man eigentlich gar nicht an Horoskope glaubt. Dies spielt natürlich den Akteuren der Sozialen Medien in die Karten, die nicht auf wissenschaftlicher Basis Informationen verbreiten, sondern auf Emotionen wie Ängste oder Hoffnungen der Menschen bauen. Deshalb finde ich es umso wichtiger, dass seriöse und ausgebildete Gesundheitsexperten den Weg in die Sozialen Medien wagen.
Wie unterscheiden Sie seriöse Inhalte von diesen problematischen Formaten anderer Akteurinnen und Akteure?
Felix M. Berndt: Durch mein eigenes Wissen und die Kompetenz meines Teams ist es für uns relativ leicht, problematische Inhalte zu identifizieren, da wir darin geschult sind, relevante Studien zu finden, zu lesen und Aussagen damit zu überprüfen. Das ist für den normalen Social-Media-Nutzer natürlich nicht in der Form möglich.
Wie stellen Sie sicher, dass Ihre eigenen Inhalte evidenzbasiert bleiben?
Felix M. Berndt: Mein Team und ich achten darauf, dass wir unsere Inhalte fachlich und wissenschaftlich abprüfen. Dazu lesen wir aktuelle Studien und Fachberichte und holen uns zur Not auch nochmal anderweitige Beratung.
Wie haben Ihre Kolleginnen und Kollegen reagiert, als Sie mit Ihrem Engagement in den sozialen Medien begonnen haben und wie hat sich das verändert ?
Felix M. Berndt: Die Reaktionen der Kolleginnen und Kollegen waren zu Beginn von großer Skepsis geprägt. Als ich mit Social Media begonnen habe, steckte diese Form des Infotainments noch in den Kinderschuhen. Ich war Vorreiter in einer Sparte, die man zunächst nicht verstanden hat. Mittlerweile bekomme ich aber viel positive Rückmeldungen zu meiner Arbeit und immer mehr medizinisches Personal leistet in den sozialen Medien seinen Beitrag zur gesundheitlichen Aufklärung.
Als Mediziner müssen Sie sich mit ethischen Grundsätzen auseinandersetzen. Welche praktischen oder ethischen Grenzen setzen Sie sich selbst in Ihrer Online-Arbeit?
Felix M. Berndt: Ich gebe grundsätzlich keine individuellen Beratungen. Meine Videos klären allgemein über gesundheitliche Themen auf. Davon ausgehend motiviere ich die Menschen zu einem gesunden Lebensstil, der sie weniger krank macht. Falls sie doch an einer Krankheit leiden, verweise ich immer zu Fachkolleginnen und -kollegen, die in einer persönlichen Sprechstunde eine individuelle Anamnese machen können, die ich in meiner Arbeit einfach nicht leisten kann.
Diese Kolleginnen und Kollegen sind natürlich in ihrer Fachkompetenz weitaus fundierter und erfahrener als ich. Deshalb verstehe ich meine Arbeit auch nicht als Ersatz oder Konkurrenz, sondern als Erweiterung des Angebots. Wir verfolgen doch letztlich alle dasselbe Ziel, nämlich dass die Menschen gesund werden und bleiben.
Was sollten Ärztinnen und Ärzte beachten, wenn sie selbst öffentlich sichtbar werden wollen?
Felix M. Berndt: Ironischerweise stehen approbierte Ärztinnen und Ärzte unter einer viel strengeren Reglementierung als andere Menschen in den Sozialen Medien, die zum Teil unseriöse oder falsche Informationen verbreiten, ohne dafür belangt zu werden. Das schreckt viele medizinisch Geschulte ab. Ich möchte also in erster Linie den Expertinnen und Experten Mut zusprechen, den Schritt in die Öffentlichkeit zu wagen und sich für eine fundierte Gesundheitsaufklärung stark zu machen. Ich finde, man sollte dieses Spielfeld nicht den Leuten überlassen, die keine fachliche Ausbildung dafür haben. Deshalb lautet meine Devise: Wenn du es nicht tust, macht es jemand anderes, der es weniger gut macht.
Wie beeinflusst die digitale Aufklärungsarbeit Ihre beruflichen Alltag als Arzt?
Felix M. Berndt: Meine digitale Aufklärungsarbeit ist seit einigen Jahren ein Fulltime-Job. Eine Arbeit, für die ich brenne und die ich als höchst sinnstiftend empfinde.
Was sind Medical Influencer?
Kurz erklärt:
Medical Influencer sind Ärztinnen und Ärzte oder medizinisches Fachpersonal, die über soziale Medien gesundheitliche Inhalte vermitteln. Ziel ist es, medizinisches Wissen verständlich aufzubereiten, Prävention zu fördern und Gesundheitskompetenz zu stärken.
Warum sie relevant sind:
Viele Patientinnen und Patienten informieren sich heute zuerst online. Ärztlich fundierte Inhalte können dabei helfen, Fehlinformationen einzuordnen und Vertrauen in evidenzbasierte Medizin zu stärken.
Gesundheitsinformationen aus sozialen Medien: Chancen und Risiken
Chancen:
Soziale Medien ermöglichen einen niedrigschwelligen Zugang zu Gesundheitswissen und erreichen insbesondere junge Zielgruppen. Studien zeigen, dass Health Influencer bei vielen Nutzerinnen und Nutzern ein hohes Vertrauen genießen (Engel et al., European Journal of Public Health, 2024).
Risiken:
Nicht alle Inhalte sind evidenzbasiert oder transparent. Für Laien ist es oft schwer zu erkennen, ob medizinische Expertise vorliegt. Umso wichtiger ist die Beteiligung von Ärztinnen und Ärzten an der öffentlichen Gesundheitskommunikation.